Australische Aborigines
Wie Mutter Sonne die Welt zum Leben erweckte
Letzte Änderung: 30.09.2010



Zu Anbeginn gab es nur das große Salzwasser. Aus den Tiefen stieg Ungud, die Regenbogenschlange, empor. Steil richtete sie sich auf und warf ihren Bumerang in einem weiten Umkreis über das Meer. Mehrmals berührte der Bumerang auf seinem Flug die Fläche des Salzwassers, und dort schäumte das Wasser auf, und glattes, ebenes Land kam zum Vorschein.
Ungud wanderte über dieses neue, weiche Land und legte viele Eier, aus denen neue Urzeitwesen schlüpften.
Es waren die Wondjina, und sie wanderten in alle Richtungen. Einst lagen Finsternis und Stille über der Erde, und nichts regte sich auf ihrer öden Oberfläche. In einer tiefen Höhle unter der Nullarbor-Ebene schlief eine wunderschöne Frau, die Sonne. Der mächtige All-Vater weckte sie sanft und gebot ihr, aus ihrer Höhle zu steigen und die Welt zum Leben zu erwecken.
Mutter Sonne schlug ihre Augen auf, und die Finsternis verschwand, als ihr strahlender Blick über die Erde glitt.
Sie holte tief Atem, und die Luft veränderte sich und erzitterte, und ein milder Wind wehte über das Land. Mutter Sonne begab sich auf eine lange Wanderung von Ost nach West und von Nord nach Süd. Sie wanderte über das öde Land, und überall, wo ihre sanften Strahlen die Erde berührten, kamen Gräser, Büsche und Bäume zum Vorschein, bis das nackte Land mit einem Pflanzenkleid bedeckt war.
In den dunklen Erdlöchern und Erdhöhlen fand Mutter Sonne Lebewesen, die wie sie selbst dort seit undenklicher Zeit in tiefem Schlaf gelegen hatten. Sie weckte die Insekten und sandte sie in die Gräser und in die Bäume und Büsche. Dann weckte sie die Schlangen und Eidechsen und alle anderen Reptilien, und sie krochen aus ihren Erdlöchern und belebten die Erde, In der Spur der Schlangen bildeten sich Wasserläufe, in deren Wasser sich die Fische und die anderen Wasserlebewesen verbreiteten. Dann rief die Sonne die übrigen Tiere ins Leben, und sie verteilten sich über die Erde und bevölkerten sie. Dann sprach Mutter Sonne zu ihnen und erklärte, dass sich die Zeiten des Jahres von kalt in heiß und von feucht in trocken verändern würden und schuf so die Jahreszeiten.

Dann wanderte sie den Himmel entlang weit hinüber in den Westen, der Himmel färbte sich rot und die Sonne verschwand aus der Sicht der Tiere. Als sich die Finsternis wieder über die Erde legte verbreiteten sich Furcht und Schrecken unter aller Lebewesen, und sie versammelten sich und kauerten eng aneinander in ihrer großen Angst.
Doch dann färbte sich der Himmel wieder rot, und die Sonne stieg im Osten wieder in den Himmel. Und von nun an schenkte die Sonne täglich den Lebewesen auf der Erde eine Zeit des Lichtes, in der sie ihrer Angelegenheiten nachgehen konnten, und eine Zeit der Dunkelheit, in der sie sich von der Anstrengungen des hellen Tages erholen und ruhen konnten.

Warum der Mensch geschaffen wurde
Letzte Änderung: 30.09.2010



Einige Zeit, nachdem die Sonne die Tiere geschaffen hatte, begannen diese über die Formen und Eigenarten anderer zu spotten, was großen Ärger, heftige Streitereien und erbitterte Kämpfe zur Folge hatte. Schließlich begannen die einzelnen Tierfamilien einander zu töten. Voll Kummer und Gram blickte die Sonnenmutter auf die Erde hinab und sah, wie die Geschöpfe, die das Licht und die Wärme ihrer Strahlen ins Leben gerufen hatte, sich gegenseitig vernichten wollten.

Sie rief den weisen Rat des großen All-Vaters zu Hilfe. „Ich glaubte, einen Plan ins Werk gesetzt zu haben, der alles Leben auf Erden ordnet und regelt. Doch unter den Pelztieren, den Vögeln, den Echsen und den Fischen fehlt eine ordnende Vernunft. Wir müssen ein Wesen erfinden, das sie alle zu der ursprünglichen Ordnung zurückführt.» Dann beschlossen Sonnenmutter und All-Vater, den Menschen als Wächter dieser Ordnung einzusetzen.

Daraufhin kehrte die Sonne ein letztes Mal auf die Erde zurück und befahl den Winden, in alle Richtungen zu wehen und den Lebewesen ihre Ankunft zu verkünden. Die Winde gehorchten ihr und wirbelten und fegten in alle Himmelsrichtungen davon. Sie tobten über das Meer und warfen gewaltige Wogen auf. Sie stürmten über die Berge und schleuderten Steine und Felsbrocken herum. Furcht und Schrecken verbreiteten sie unter den Tieren, die zusammenliefen, um sich eine Zufluchtsstätte zu suchen, Sie versammelten sich in einer großen Höhle, wo sie vor den tobenden Stürmen sicher waren. Die Sonne ging unter, und die Stürme ließen nach. Zitternd vor Angst kauerten die Tiere in der Höhle.

Als die Sonne am folgenden Morgen ihr Licht über die Erde wandern ließ, war kein Laut zu vernehmen. Die Tiere blieben in der Höhle, stumm und reglos vor Furcht. Da näherte sich der Höhle ein heller Lichtschein. Ein alter Waran kroch zum Höhleneingang und schaute vorsichtig nach draußen. «Was siehst du?» fragten die anderen Tiere. «Ich sehe etwas Wundersames, ein leuchtendes Ungeheuer mit einem riesigen Auge. Es ist so groß wie der Mond.» Dann sagte der Waran zum Adler. «Schau du es dir an und sag uns, was du siehst. Der Adler blickte hinaus und erklärte: «Ich sehe eine Gestalt, die etwas größer ist als ein Känguruh. Ihre Augen sind kleiner als die des Warans, aber sie leuchten hell, so hell, daß ich unter ihrem Blick zittere! » Nun bat der Adler den Raben hinauszublicken, doch der Rabe fürchtete sich zu sehr vor dem Ungeheuer und erfand eine Ausrede. Da verspottete ihn der Königsfischer und lachte ihn aus.

Jeder wusste, dass der Rabe einer der besten Krieger war, und so wunderten sich alle sehr, dass er nicht den Mut hatte, hinauszuschauen und auch den Königsfischer nicht angriff, der ihn einen Feigling genannt hatte. Nach und nach jedoch warfen alle Tiere einen scheuen Blick auf das fremdartige und ehrfurchtgebietende Wesen, das vor ihrer Höhle den blendenden Lichtglanz ausströmte. Niemand konnte es deuten. Drei Tage lang blieben die Tiere in der Höhle. Drei Tage lang wuchsen in ihnen Hunger und Durst. Dann fielen die Starken über die Schwächen her und aßen ihr Fleisch und tranken ihr Blut.

Da trat das Lichtwesen in den Eingang der Höhle und rief die Bachstelzen zu sich. «Geht in die Höhle und verkündet allen Lebewesen, dass sie sich zu einem Berg begeben sollen, um zu erfahren, wer ich bin!»

Die Tiere folgten dem Gebot traten aus der Höhle, sammelten Nahrung und begaben sich zu dem Berg. Da sahen sie, dass sich im Westen, Osten, Norden und Süden vier Säulen erhoben, die wie hohe Rauchfahnen aussahen. Dann begannen die Säulen sich zu drehen und im Kreis über die Ebene auf sie zuzuwirbeln. Näher und näher kamen sie an den Berg heran. Neue Furcht und neuer Schrecken verbreiteten sich unter den Tieren, aber die Bachstelze beruhigte sie: «Fürchtet euch nicht. Es ist der Urvater der Menschen, der sich nähert.» Die vier umherwirbelnden Säulen näherten sich einander und vereinigten sich schließlich zu einer mächtigen Säule, die eine Zeitlang still stand. Sie sah nun wie eine Wassersäule aus, die langsam niedriger und niedriger wurde. Dann näherte sie sich dem Berggipfel. Auf dem Gipfel angelangt, nahm sie die Form eines riesigen Pilzes an. Ein Blitzschlag spaltete diese Form und offenbarte den Tieren die Gestalt des ersten Menschen, die der All-Vater mit seinen eigenen Gaben der Einsicht, des Verstandes, der Vernunft und der Weisheit ausgestattet hatte. So betrat der erste Mensch die Erde. Er stieg den Berg hinab und begab sich unter die Tiere, um mit ihnen zu reden. Als die Sonnenmutter sah, dass ihr Werk vollbracht war, stieg sie zurück in den Himmel. Danach kehrte sie nie wieder zur Erde zurück.

Traumzeit - die Mythologie der Aborigines
Letzte Änderung: 30.09.2010



Die Kultur der australischen Aborigines beruht ganz und gar auf der Erinnerung an den Ursprung des Lebens. Gemäß neuesten Erkenntnissen sind ihre Schöpfungsgeschichte und das daraus abgeleitete Weltbild rund einhundertfünfzigtausend Jahre alt.

Die Aborigines nennen die Kräfte und Mächte, die die Welt geschaffen haben, ihre "Creative Ancestors" - ihre Schöpferischen Ahnen. Sie sind der Überzeugung, dass unsere wunderbare Welt nur in Übereinstimmung mit der Kraft, der Weisheit und den Absichten dieser ersten Ahnen so perfekt geschaffen werden konnte. Während der Epoche, in der dies geschah - der Traumzeit -, bewegten sich die Ahnen über eine kahle, eintönige Fläche, ähnlich wie auch die Aborigines durch ihr riesiges Land wandern. Die Ahnen zogen hierhin und dorthin, sie jagten, schlugen ihr Lager auf, kämpften und liebten, und so schufen sie aus einem formlosen Land eine topographische Landschaft. Vor ihren Wanderungen legten sie sich schlafen und träumten die Abenteuer und Ereignisse des folgenden Tages. Auf diese Weise, indem sie ihre Träume in die Tat umsetzten, schufen die Ahnen Ameisen, Grashüpfer, Emus, Krähen, Papageien, Wallabys, Känguruhs, Echsen, Schlangen, alle Nahrung sowie die Pflanzen. Sie schufen alle Elemente der Natur, die Sonne, den Mond und die Sterne, und sie schufen auch die Menschen, die Stämme und Clans. All dies wurde von den Ahnen gleichzeitig erschaffen, und jedes Ding konnte sich in ein anderes verwandeln. Eine Pflanze konnte zu einem Tier werden, ein Tier zu einer Landschaftsform, eine Landschaftsform zu einem Mann oder einer Frau. Ein Ahne konnte zugleich Mensch und Tier sein. Diese Umwandlungen gingen hin und her, je nachdem, wie es die Geschichten der Traumzeit verlangten. Alles wurde aus derselben Quelle geschaffen - den Träumen und den Taten der großen Ahnen -, und alle Stufen, Phasen und Zyklen waren in der Traumzeit gleichzeitig gegenwärtig. Während die Welt Form annahm und sich mit den Arten und vielfältigen Ausgestaltungen erfüllte, die sich aus den Umwandlungen der Ahnen ergaben, wurden die Ahnen müde und gingen in die Erde, in den Himmel, die Wolken und die Geschöpfe zurück, um gleich einer Kraft in allem nachzuhallen, was sie geschaffen hatten.

Diese Wanderungen der Ahnen sind in den Geschichten, Zeremonien, Symbolen und Lebensmustern bewahrt, die von den Aborigines seit Jahrtausenden gewissenhaft erhalten werden. Für Stammesangehörige der Aborigines spiegelt jeder Aspekt des täglichen Lebens die Geschichten der Schöpfung wider, die mit dem Ort zusammenhängen, wo ihre Ahnen hinzogen oder ihr Lager aufschlugen. Jeder Tag wird in der Erinnerung an jenen Tag gelebt, als der betreffende Ort und seine Geschöpfe geschaffen wurden. Kultur und Gesellschaft der Aborigines zeichnen sich deshalb durch die gleichen Merkmale aus wie die Strukturen, die Prinzipien und die Vorgänge, durch die die Natur geschaffen worden ist.

Zwar können sich die Geschichten und Symbole verschiedener Stämme leicht voneinander unterscheiden, aber die Geschichten der Traumzeit sind allen Aborigines quer durch den riesigen australischen Kontinent geläufig. In diesen Geschichten wagten die Ahnen Neues, sie nahmen beispiellose Risiken auf sich und entdeckten dabei Bräuche, Verfahren und Verhaltensweisen, die entweder Glück und Hilfe brachten oder aber sich in Schmerz, Zerstörung und Krankheit niederschlugen. Die in den Geschichten enthaltenen Lebenslehren wurden im sogenannten Traumzeit-Gesetz zusammengefasst, und sie spiegeln sich in der ausgesprochen schlichten Lebensweise der Aborigines wider.

Alles Geschaffene - von den Sternen über die Menschen bis zu den Insekten - ist am Bewusstsein der ursprünglichen Schöpfungskraft beteiligt, und jedes einzelne ist auf seine eigene Art Spiegel einer Form dieses Bewusstseins. In diesem Sinne bewahren die Geschichten der Traumzeit das Bild einer geeinten Welt, und diese Einheit verpflichtete die Aborigines, die Erde zu respektieren und zu verehren, als sei sie ein Buch, in dem das Geheimnis der ursprünglichen Schöpfung geschrieben steht. Das Lebensziel war, die Erde soweit wie möglich in ihrer ursprünglichen Reinheit zu bewahren. Das Domestizieren und Unterwerfen von Pflanzen und Tieren stand ebenso wie jede andere Veränderung und Ausbeutung der Natur - also die Grundlage der westlichen Zivilisation und des «Fortschritts» - im absoluten Gegensatz zur Vorstellung eines gemeinsamen Bewusstseins und einer gemeinsamen Herkunft, an denen alles Geschaffene und gleichermaßen die Schöpferischen Ahnen teilhaben. Diese ganzheitliche Welt auszubeuten hieß nichts anderes als sich selbst auszubeuten.

Die Geschichten der Traumzeit verliehen nicht bloß allen lebenden Wesen ein allumfassendes psychisches Bewusstsein, sondern auch der Erde und den Grundelementen, den Kräften und Gesetzen der Natur. Jeder Teil der Schöpfung handelt aufgrund von Träumen und Wünschen, Anziehung und Abneigung, genau wie wir Menschen. Deshalb war der Zugang zur großen Welt des Raumes, der Zeit und der universellen Energien und Felder zugleich auch Zugang zur inneren Welt des Bewusstseins und der Träume. Die Erkundung des riesigen Universums und das Wissen um die Bedeutung der Schöpfung wurden durch eine innere und eine äußere Erkenntnis des eigenen Ichs erfahren.

Jede Landschaftsform und Kreatur implizierte durch ihre besondere Form und ihr Verhalten eine verborgene Bedeutung; die Form eines Dinges war selbst zugleich der Abdruck eines metaphysischen Bewusstseins - des Bewusstseins der Ahnen -, welches dieses Ding geschaffen hat,- als auch jener allumfassenden Energien, die zu seiner stofflichen Abbildung geführt haben. Diese Aspekte des Traumzeit-Schöpfungsmythos weisen auf eine Welt hin, in der das Metaphysische und das Physische symbolisch ineinander verwoben sind: Die sichtbare Welt kann nicht getrennt von der unsichtbaren betrachtet werden. So sind denn auch die Sprachen der Aborigines, die aus diesem Weltbild hervorgingen, ein reicher metaphorischer Fluss, in den ebenso körperliche wie auch seelische und geistige Erfahrungsebenen integriert sind. Wie jeder Schöpfungsmythos lassen sich auch die Geschichten der Traumzeit nicht beweisen. Die Bedeutung einer jeden Schöpfungsgeschichte wird bestimmt durch ihre Wirkung auf die Menschen, durch das Bild, das sie sich von sich selbst und ihrer Stellung im Universum machen. Während rund einhundertfünfzigtausend Jahren hat die Traumzeit-Mythologie eine Kultur genährt, die in Harmonie mit der Natur lebte und voller Kraft, Vitalität und Lebensfreude war.

Es gab bestimmte Rituale, zu denen auch das regelmäßige Übermalen der heiligen Felszeichnungen gehörte, die diese intensive Bindung aufrechterhielten und die Kräfte der Vorfahren aktivierten. Diese Beziehungen und die Rituale waren unerläßlich, um die Vermehrung von Pflanzen, Tieren und Menschen zu garantieren.

An ihren heiligen Stätten produzierten die Schöpferwesen nämlich unaufhörlich die Seelen der Menschen, die sogenannten Geistkinder. Diese Geistkinder machten sich entweder selbst auf die Suche nach ihren Eltern, oder die Eltern mussten nach ihnen suchen. Dies geschah meist im Traum, wo das Geistkind dem Mann erschien, der es dann an seine Frau weitergab. Ein Geistkind konnte sich aber auch direkt mit seiner zukünftigen Mutter verbinden, wenn sie sich an heiligen Orten aufhielt. Ohne das Geistkind, die Seele, konnte sich der Embryo im Mutterleib nicht entwickeln. (Dieses recht esoterische Konzept führte unter weißen Forschern zu der völlig falschen Vorstellung, die Aborigines wären sich nicht über die biologischen Zusammenhänge von Zeugung und Geburt im Klaren). Manche Stämme glaubten auch, dass die Seele des Menschen nach dem Tode wieder zu seiner heiligen Ursprungsstätte zurückkehrte, um zu gegebener Zeit wiedergeboren zu werden

Wer sind die Aborigines
Letzte Änderung: 30.09.2010



Bevor die Weißen kamen, hatte Australien, der 5. Kontinent, für Tausende von Jahren ungestört und in fast völliger Isolation existiert und so eine einzigartige Flora und Fauna bewahrt, mit Pflanzen, die es sonst nirgends gibt und mit seltsam aussehenden Beuteltieren in allen möglichen Größenordnungen.
Auch die Menschen, die den Kontinent zwar dünn, aber gleichmäßig bevölkerten, hatten gewisse archaische Merkmale bewahrt.
Die ersten Aborigines besiedelten Australien vor etwa 40.000 Jahren. Damals bildete Indonesien eine (wenn auch nicht völlig geschlossene) Landbrücke zwischen Australien und dem asiatischen Festland. Nach und nach stieg der Meeresspiegel an und Australien wurde eine Insel; die Bewohner blieben von nun an weitgehend unter sich.

Australien ist zwar ein riesiges Land, besteht aber zum größten Teil aus Wüste. Lediglich die Ostküste und der Norden sind fruchtbar und grün, mit tropischen und subtropischen Temperaturen und entsprechender Vegetation. Bei der Ankunft der Europäer im Jahre 1770 lebten in Australien etwa 300.000 bis 500.000 Aborigines in 600 Stämmen mit über 200 verschiedenen Sprachen, die sich über den ganzen Kontinent verteilten. Ihre materielle Kultur war sehr einfach; sie besaßen nur wenige Werkzeuge, bauten keine Häuser oder Hütten und waren nicht seßhaft. Im Gegensatz dazu verfügten sie aber über eine sehr hoch entwickelte Sozialstruktur und ein elaboriertes Verwandtschaftstsystem und ihre religiösen und weltanschaulichen Vorstellungen waren (und sind) sehr komplex.

Die ersten Weißen in Australien hielten die Ureinwohner für eine Art Affen. Da sie sich, im Gegensatz zu den Schwarzen im kolonialen Afrika nicht versklaven ließen, trieb man im 19. Jahrhundert ihre systematische Ausrottung voran. Es wurden Prämien ausgesetzt für die Tötung von Aborigines und die Männer der besser gestellten Gesellschaftsschichten veranstalteten Treibjagden auf Schwarze, als Sport und zur Unterhaltung. Zusammen mit den von den Weissen eingeschleppten Infektions-krankheiten, wie Typhus, Pocken und Syphilis, gegen die die Aborigines keinerlei Resistenz hatten, hätte dies beinahe zur vollständigen Ausrottung der gesamten Rasse geführt. Gemäß einer Zählung aus den 40er Jahren gab es damals nur noch 20.000 Aborigines in ganz Australien; es ist möglich, daß dabei die Mischlinge nicht mitgezählt wurden. Heute gibt es wieder etwa 50.000 reinrassige Aborigines und 150.000 Mischlinge, (das sind 1,5 % derGesamtbevölkerung), die teils in Reservaten, teils in Städten leben. Ihre Lebensbedingungen sind nicht gut, obwohl die australische Regierung sich insbesondere in den letzten Jahren bemüht hat, den Lebensstandard der Aborigines zu verbessern und ihnen zumindest einen Teil ihres Landes zurück zu geben. Nichts desto weniger bleibt der größteTeil der indigenen australischen Kultur unwiederbringlich verloren, denn ganze Stämme wurden vollständig vernichtet, und mit ihnen ihre Sprache, ihr Wissen, ihre Mythen, ihr ganzes kulturelles Erbe.

Wie bereits erwähnt führten die verschiedenen Aborigines-Stämme, die manchmal nur ein paar Dutzend Mitglieder hatten, vor der Ankunft der Weißen ein Nomadenleben. Dies bedeutet aber nicht, daß sie einfach ziellos umher wanderten, sondern jeder Stamm hatte sein eigenes Gebiet, innerhalb dessen der Standort je nach Jahreszeit und Ernährungslage gewechselt wurde. Nach einer bestimmten Zeit an dem selben Ort wurden die Stammesmitglieder unruhig; sie sagten „das Herz wird heiß“ und zogen weiter.
Die Naturverbundenheit dieser Menschen ist für uns kaum nachvollziehabar. Sie kannten weder Bekleidung noch Behausungen, und konnten nicht schlafen, wenn sie den Wind nicht im Gesicht spürten.
Auch heute noch ist es vielen weißen Australiern (und Touristen) unverständlich, warum die Aborigines in den Reservaten nicht in den von der Regierung zur Verfügung gestellten Wellblechbaracken wohnen wollen, sondern es vorziehen, im Freien zu schlafen und die Fußbodenbretter als Brennholz zu verwenden.

Die Rolle der Frau in der Ureinwohner-Gesellschaft
Letzte Änderung: 30.09.2010



Wie in vielen anderen traditionellen Gesellschaften gab es auch bei den Aborigines eine mehr oder weniger ausgeprägte Arbeitsteilung unter den Geschlechtern. Dies bedeutet, dass die Männer im Prinzip für die Jagd nach Tieren zuständig waren, während die Frauen Früchte, Knollen, Kräuter und Samen sammelten.

Es muss erwähnt werden, daß die Untersuchung und Beschreibung der australischen Ureinwohnergesellschaft fast hundert Jahre lang von männlichen Anthropologen vorgenommen wurde, die aufgrund ihrer geschlechtsspezifischen und androzentrischen Betrachtungsweise die Fakten stark verzerrt darstellten. Sie beschrieben die Frauen der Aborigines als „bloße Packesel, die ein Leben in Monotonie führen und von ihren Männern beschämend schlecht behandelt werden“ (Elkin 1939:251). Anthropologinnen und Ethnologinnen, wie Daisy Bates, Phyllis Kaberry und Jane Goodale konnten hingegen nachweisen, daß die Frau eine wichtige ökonomische Funktion und den entsprechenden Status besaß, und daß sie keine „domestizierte Kuh“ (Ashley Montagu, 1937:23) oder „Sklavin“ (Malinowski 1913:278) war.

Entgegen der Vorstellungen der männlichen Anthropologen war die Arbeit der Frauen im allgemeinen leichter und angenehmer als die der Männer, die unter erheblichem Leistungsdruck standen und nach einem langen Tag in brütender Hitze oft mit leeren Händen zurückkehrten. Die Frauen hingegen, die tatsächlich den größten Teil der Nahrung für ihre Familien beschafften, fanden immer etwas. Sie wanderten in kleinen Gruppen umher, unterhielten sich, konnten nach Gutdünken Pausen einlegen und zur Erfrischung in Teichen schwimmen. Sie kannten die Umgebung sehr genau, wußten, wo welche Pflanzen zu finden waren und wo sich Wasserlöcher befanden. Auch waren sie durchaus in der Lage, kleinere Tiere zu jagen. Nur gelegentlich jagten oder fischten Mann und Frau gemeinsam; üblicherweise waren die männlichen und weiblichen Welten streng getrennt, was sich nach Ansicht der Anthropologin Kaberry auch in der Sphäre der rituellen Aktivitäten niederschlug.

Es wäre aber mit Sicherheit nicht richtig, daraus zu schließen, daß Männer und Frauen bei den Aborigines gleichberechtigt waren; der Mann war eindeutig das statushöhere Wesen und die Führung und Kontrolle des Stammes lag fast ausschließlich in den Händen der älteren Männer, obwohl auch Frauen mit zunehmendem Alter immer mehr Rechte erhielten.

Spirituelles Leben und Geheimkulte der Frauen Die ersten Anthropologen, die sich mit den Aborigines befassten, hatten kaum Einblick in die spirituellen Aktivitäten der Frauen; sie projizierten ihre eigene Frauenverachtung und ihre Furcht vor dem Weiblichen schlechthin auf die Eingeborenenkultur und stellten fest, daß die australischen Männer „heilig“ waren und als einzige Zugang zu den spirituellen Kräften hatten, während die Frauen angeblich als „unrein“ galten, auch wegen ihrer Menstruation. Die ist schlichtweg falsch. Körperliche Funktionen bei Mann und Frau wurden in der Aboriginal-Gesellschaft nie tabuisiert.

Wahr ist, daß die Frauen von bestimmten geheimen Riten der Männer ausgeschlossen waren, z. B. von Fruchtbarkeitskulte und Initiationen. Sie hatten jedoch ihre eigenen heiligen Gegenstände, wie bemalte Grabstöcke, bemalte Holztäfelchen und heilige Steine, die kein Mann je zu Gesicht bekommen durfte, sowie Zeremonien, die sich auf die spezifisch weiblichen Lebensbereiche bezogen, und zu denen die Männer keinen Zutritt hatten. Die rituellen Aktivitäten beider Geschlechter waren von gleichrangiger Bedeutung, denn sie standen in Verbindung mit den weiblichen und männlichen Vorfahren, und es war lebensnotwendig, den Kontakt zu ihnen aufrecht zuerhalten. „Wir sehen also, daß diese rituellen Handlungen der Frauen nicht für die Frauen bestimmt, sondern für die ganze Gesellschaft notwendig waren, und daß die Handlungen der Männer ohne die der Frauen keinen Sinn gehabt hätten“. (Glowczewski 1989, S. 196)

Liebe, Ehe und Familie
Letzte Änderung: 30.09.2010



Dies ist ein Thema, das die Phantasie der prüden männlichen Anthropologen außerordentlich angestachelt hat. Immer wieder gibt es dunkle Andeutungen über gräßliche, uralte Männer, die vorpubertäre Mädchen vergewaltigen, barbarische Polygamie und andere „unaussprechliche Dinge“ (Zit. in Rohrlich-Levitt, 1988:86).

Grundlage dieser wilden Spekulationen war der traditonell große Altersunterschied zwischen Männern und Frauen bei der Heirat, das heißt, die älteren Männer heirateten die jüngeren Frauen. Geschlechtsverkehr vor der Pubertät gab es allerdings nicht. Daß junge Leute vor der Ehe sexuelle Beziehungen hatten, war jedoch eine Selbstverständlichkeit. Hinzu kommt, daß der Altersunterschied zwischen Ehefrau und Ehemann oft dazu führte, daß erstere sehr schnell Witwe wurde und dann einen anderen, jüngeren Mann heiraten konnte. Außerdem hielten sich junge Frauen, die mit alten Männern verheiratet waren, sehr oft junge Liebhaber. Darüber wurde großzügig hinweggesehen.

In allen Angelegenheiten, die die weibliche Fruchtbarkeit betreffen, wie Menstruation, Schwangerschaft und Geburt, halfen und unterstützten sich die Frauen gegenseitig. Es gab geheime Gesänge und Rituale, von denen Männer grundsätzlich ausgeschlossen blieben. Die Frauen hatten ein absolutes Verfügungsrecht über ihren Körper und ihre Gebärfähigkeit. Sie kannten Verhütungsmittel (unter anderem die besonders interessante Methode, unmittelbar nach dem Geschlechtsverkehr durch geschickte Bewegungen und Kontraktionen den Samen wieder auszustossen) und nahmen Abtreibungen vor; jüngere Frauen, weil sie ihr Liebesleben ungestört geniessen wollten, ältere, weil sie es vorzogen, relativ große Abstände zwischen den Geburten zu haben, um so das Risiko für die eigene Gesundheit zu verringern und sich nicht unnötig zu erschöpfen.

Wenn die Kinder allerdings erst einmal geboren waren, wurden sie mit viel Liebe und Zärtlichkeit behandelt. Während der Schwangerschaft gab es gewisse Regeln zu beachten, (manche Nahrungsmittel wurden als schädlich für das Ungeborene angesehen) und es gab geheime Rituale unter den Frauen, die die Geburt erleichterten. In allen Phasen der Schwangerschaft bis zur Geburt standen die Frauen einander bei und halfen sich gegenseitig.

Kleine Kinder genossen sehr viel Freiheit in der Aborigines-Gesellschaft. Sie waren bei allen Aktivitäten der Erwachsenen dabei und jedes noch so ungehörige Benehmen wurde ihnen verziehen. Auch die Väter kümmerten sich hingebungsvoll und mit unendlicher Langmut um ihren Nachwuchs. Kinder wurden grundsätzlich nicht bestraft, aber von älteren Kindern wurde erwartet, daß sie für die Kleinen eine Art Vorbild darstellten.

Und heute?
Letzte Änderung: 30.09.2010



Die Lebensumstände der heutigen Aborigines sind alles andere als gut. Die meisten leben in ärmlichen Randsiedlungen der großen Ballungsgebiete und verfügen nur über ein sehr geringes Einkommen. Ihre Lebenserwartung ist 20 Jahre weniger als die von weißen Australiern. Die Kindersterblichkeit unter den Schwarzen ist drei mal so hoch wie bei dem Rest der Bevölkerung.
Besonders tragisch sind die Folgen des Alkoholkonsums; abgesehen davon, daß die Spirituosen einen großen Teil des ohnehin spärlichen Einkommens verschlingen, vertragen die Aborigines Alkohol überhaupt nicht und werden sehr schnell betrunken, was sie allerdings nicht davon abhält, stundenlang weiter zu trinken. Eine Folge davon sind ständige Reibereien mit der Polizei wegen „ungebührlichen Benehmens“, Gewalttätigkeiten usw. Eine große Zahl von Aborigines landet deshalb im Gefängnis, und viele von ihnen kommen nicht mehr lebend heraus. Andere gravierende Folgen des Alkohols sind die Schäden für die Gesundheit; neben Leberzirrhose sind auch tödliche Vergiftungen mit Methylalkohol nicht selten.

Ein verschwindend geringer Prozentsatz von Aborigines erwirbt eine westliche Bildung und passt sich der westlichen Lebensweise an; für die meisten Aborigines ist dies jedoch überhaupt nicht wünschenswert, denn rassistische Vorurteile gegenüber Schwarzen sind in Australien immer noch die Norm. Bei meiner ersten Feldforschung in Australien traf ich einen weißen Regierungsangestellten, der für die Kooperation mit einem Reservat im Norden von Queensland zuständig war. Nach einem längeren Gespräch und ein paar Bier zu viel brach er plötzlich weinend zusammen und erzählte mir vor seiner schwarzen Frau im Reservat, die er über alles liebte, und ihrer gemeinsamen kleinen Tochter. Er konnte sie nur alle drei Monate besuchen, und war gezungen, die Existenz von beiden vor seinen Kollegen geheim zu halten, sonst hätte er seinen Job aufgeben müssen - selbst wenn man ihm aus rechtlichen Gründen nicht hätte kündigen können, hätten seine Kollegen ihm das Leben zur Hölle gemacht. Aber er wollte und brauchte die Arbeit, um Frau und Kind finanziell unterstützen zu können.

Das Hauptproblem der schwarzen Bevölkerung ist der Identitätsverlust und die Perspektivelosigkeit, denn obwohl es inzwischen wieder relativ große Gebiete gibt, die ausschließlich den Schwarzen gehören und die Weiße ohne schriftliche Erlaubnis gar nicht betreten dürfen, gibt dies den Aborigines keinen Lebenssinn. Sie können nicht mehr leben wie ihre Vorfahren, denn es fehlt die Überlieferung der Methoden des Überlebens im Busch und der Stammeszusammenhang; Frauen sind in besonderer Weise davon betroffen, denn bei 62,2% des Einkommensschwächsten Teils der schwarzen Bevölkerung handelt es sich um alleinerziehende Mütter.

Es ist auch nicht möglich, die Existenz der weißen Zivilisation völlig zu ignorieren, denn schließlich pilgern jährlich tausende von Touristen zum Ayers Rock, dem heiligen Berg der Aborigines, und wollen die Höhlenzeichnungen und traditionellen Tänze sehen. Etliche Aborigines haben inzwischen aus der Not eine Tugend gemacht und verkaufen Boumerangs, Rindenmalereien, Musikinstrumente und andere kunsthandwerkliche Artikel mit traditionellen Designs. Es gibt auch eigenständige Unternehmen in Schafzucht und Landwirtschaft. In einigen Schulen der Reservate werden heute wieder die alten Sprachen gelehrt und Wissen über das kulturelle Erbe der Aborigines vermittelt. Dennoch wird es sicher noch lange dauern, bis die Aborigines ihre eigene Identität und ihr Selbstbewußtsein zurückgewinnen. Die Weißen müssen hierzu auch ihren Teil beitragen, indem sie die kulturelle und historische Andersartigkeit der Aborigines anerkennen und würdigen.

Mit freundlicher Genehmigung
Letzte Änderung: 30.09.2010



Und unter dem Copyright von:
Friederike Schneider

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