Der Seherin Gesicht
Vøluspa
Letzte Änderung: 02.04.2012



Das erste Lied der Edda, gleich welcher Fassung , ist die Vøluspá.
Sie beschreibt das Geschick der Götter aus den Augen einer Seherin, welche den Anfang und das Ende zu sehen vermag. Diese Seherin redet vor einer Thing-Gemeinde im Auftrage und mit dem Wohlwollen Oðins.

02.04.2012

Die Seherin ruft die Anwesenden des þing zur Ruhe, gleich welchen Geschlechtes sie sind. Edle und Einfache gleichermaßen lauschen den Worten der Seherin, welche die Worte Oðins wiedergibt.

"Vor langer Zeit wurde ich von Riesen erzogen. Jene, die selbst nie geboren wurden. Neun Welten kenne ich, welche die Äste des Baumes bilden.

Zu einer Zeit, da es nichts gab außer Ymir, wurden ich und meine Brüder geboren. Wir schufen Mitgard, wo alsbald die Sonne auf das wachsende Gras und die Kräuter schien. Doch Sonne, Mond und Gestirne wussten nicht, wohin; der Lauf der Zeit war unbestimmt.
So hielten wir Rat, gaben den Himmelskörpern ihre Namen. Wir benannten die Zeoten des Tages, erschufen Neumond, Morgen, Mittag, Abend. Damit waren die Zeiten geordnet.

Als dies getan war erschufen wir gemeinsam auf dem Idafeld unsere Wohnsitze. Wir schufen unser Heim und alles Werkzeug, das wir brauchten.
Dann saßen wir im Hof unseres neuen Heims und spielten mit den Würfeln. Es gab nichts, das wir begehrten. Da kamen aus Thursenheim die drei Töchter der Riesen.
Da wurde uns klar, dass wir das Zwergengeschlecht schaffen wollten. So schufen wir die Zwerge, der Mächtigste unter ihnen Motsognir. Gleich darauf Durin. Diese und siebzig andere Zwerge, benannt nach Ihrem Werkzeug oder ihrer Art, setzten wir auf die Erde, dass sie in ihr graben mögen. Darunter waren Nordri, Sudri, Austri und Westri, die die Schädeldecke des Riesen Ymirs hielten und mit ihm den Himmel bildeten.

Wir kamen an einen Strand und fanden zwei Menschen, sie hießen Ask und Embla. Sie hatten keine Kraft, kein Schicksal und keine Wärme. Weder Seele noch Sinn waren ihrs. So gaben wir Ihnen alles. Ich, Oðin gab Ihnen eine Seele, Hønir gab Ihnen Sinn und Lodur gab ihnen das Leben und ihre Farbe.

Ich kenne einen Baum, so groß, dass seine Spitze in den Wolken verschwindet, welche auf das Land regnen. An seinen Wurzel entspringt die Quelle von Urd. In dieser Quelle sitzen drei weise Frauen, welche das Schicksal der Menschen verkünden. Sie hießen Urd, Werdani und Skuld. 

Eine der Frauen erzählte mir vieles, ihr Blick reicht weit über die Welt. Gold und Geschmeide gab ich dafür. Sie erzählte mir von Mimir und dessen Quelle von Met, aus der er sein Wissen erlangt. Sein Auge benutzt er, um den Met zu trinken.

Walküren sah ich, die auf den Befehl der Götter warteten.
Ich sah den ersten Mord in der Welt, Gulweig wurde mit Geren erstochen.

Dann war da Heid, sie besänftigte Wölfe, braute Tränke, behexte jeden.
Wir berieten uns, ob wir Untreue bestrafen sollten. Oder ob sie Teil unseres Schicksals ist.
Da durchbrachen die Wanen unsren Burgwall, brachten große Zerstörung mit sich. Ich warf den Ger über in die Streitmacht, was noch mehr Verderben brachte.
Da berieten wir Asen uns, wer an diesem Streit die Schuld trug. Freya gaben uns die Wanen zum Pfand, dass dergleichen nie mehr geschah.
Der jähzornige Thor zögerte nicht, Freya niederzuschlagen. So wie er es immer tat, wenn er Unrecht sah. Das belastete die gerade getroffenen Vereinbarungen sehr.

Doch noch blieb Heimdalls Horn, mit dem der Weltenbrand ausgerufen werden soll, klugerweise unter den Wurzeln Yggdrasils verborgen.
Im Osten der Quelle saß die Riesin Angrboda in einer Mine und fütterte Ihren Sohn, den Wolf Fenrir, mit dem Mark gefallener Krieger, dass er in Zukunft die Welt verdunkle.
Am Hügel saß Egdir, der die Winde und Stürme hütet. Er schlug die Harfe, der rote Hahn Fialar schrie. Er rief die Götter zum Kampf, weckte die Einherjer in Walhall.
Unter der Erde bei Hel rief der Schwarze Hahn.

Ich sah, wie mein Sohn Baldur im Versehen durch seines blinden Bruders - Hödurs - Pfeil getroffen wurde. Seine Mutter Frigg wurde durch diesen Verlust schwer getroffen.
Hödur wurde durch Loki getäuscht, so dass er den Pfeil abschoss.
Hödur schwor Rache für diesen Verrat. Er schwor, er würde sich die Hände nicht waschen und nicht die Haare kämmen, bis die Rache vollbracht wurde.
Loki wurde in eine Höhle verbannt. Die Gedärme seines Sohnes Nari wurden zu einem Seil verflochten und halten ihn hier gefangen.

Der Totenfluss Slidur im Osten schwillt an.
In den dunklen Bergen im Norden sah ich Sindris goldene Halle für die tapferen Gefallenenn des Raknarök. Auf der Ebene Okolnir steht die Trinkhalle des Riesen Brimir, auch hier sollen die tapferen Gefallenen wohnen.
In Hels unterirdischem Reich ist ebenfalls eine Halle gerichtet, Nastrand. Gifttropfen fallen hernieder, die Decke ist mit Schlangenschuppen gedeckt. Hier nagt der Drache Níðhöggr an den Körpern der Meuchelmörder und Jener, die Schwüre brachen.

Da bricht der große Krieg aus. Familien brechen auseinanderer, niemandem ist mehr zu trauen. Es wird gemordet, geplündert, vergewaltigt gebrandschatzt. Ein jeder bekriegt jeden.
Heimdall bläst ins Gjallarhorn, die Welt steht in Flammen, ich suche Mimirs Rat.
Der Krieg wütet und erschüttert den Weltenbaum. Der Riese Surtur befreit sich und fällt mit seinem flammenden Schwert über Hels Gefolgschaft her.
Vor Hels Reich heult der Hund der Totengöttin fürchterlich. Die Fessel vermag ihn nicht mehr zu halten, da lasse auch ich meinen Wolf Freki los.

Die See wird von der Midgardschlange aufgewühlt. Sie wütet und tobt, Stürme heulen. Dabei lößt sich das Totenschiff Naglfar und der Riese Hrym steuert es mit Loki und Fenrir aus Muspelheim im Osten gen Asgard.
Aus dem Süden kommt der Riese Surtur mit flammender Klinge gefahren. Ein gewaltiger Kampf folgt, er lässt die Welt erzittern. Große Opfer werden gegeben, Helden sterben in großer Zahl. Der Himmel zerreißt. Das große Recih der Riesen leidet unter der Qual, die Asen suchen einen Ausweg aus diesem Krieg. Die Zwerge und die Menschen fürchten das Ende.
Freyr stellt sich im Kampf dem Riesen Surtur, der ihn mit seiner flammenden Klinge niederstreckt. Mein Sohn Widar stellt sich dem Fenriswolf und rächt meinen Tod. Er reißt ihm durch das Maul sein Herz aus dem Leib.
Unerschrocken greift Thor die Midgardschlange selbst an. Er erschlägt die Schlange mit seinem Hammer, wird aber noch in neun Schritten Entfernung von ihren Giften und Nebeln getötet.

Da müssen alle Wesen von der Erde gehen, nichts kann mehr leben in dieser Welt. Yggdrasil brennt. Der Himmel verdunkelt sich vor Rauch und Qualm, dass weder Sonne noch Sterne die Schwärze durchdringen.

Nach langer Zeit haben sich die Rauchschwaden verzogen, da  ziehen sich die Wasser wieder zurück und die Erde grünt. Ein Adler tut sich am Fisch gütlich.

Auf dem Idafeld in der Mitte Asgards treffen sich die übrigen Asen und beraten sich, was nun geschehen soll. Sie einigen sich, dass sie das alte Wissen anwenden und die Welt wieder fruchtbar machen wollen.
Die Felder tragen wieder Frucht, ohne besät zu werden.
Balder kehrt zurück von den Toten und lebt mit seinem Bruder Hödur in Walhall. Die Asen errichten Ihre neue Halle auf Gimils Höhen, wo sie sich Ihrer Taten rühmen.

Da sehe ich den Drachen Nidhögg aus der Schlucht kommen und schließlich mit den Toten auf seinen Flügeln niedersinken. Damit ist das Übel wieder in der Welt."

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