Der Schatten

Letzte Änderung: 15.06.2018

Warum hast Du dies getan und das gelassen? Du hast versagt. Du hast nicht richtig reagiert. Mir ist in der Jugend Scheiße passiert. Ich wurde ständig verprügelt. Meine Eltern haben mich gehaßt. Was wird bloß in der Zukunft passieren? Das schaffe ich bestimmt nicht.

Jeder von uns trägt einen oder ein paar von solchen Gedanken mit sich rum - auch Du. Aber glücklicherweise denken wir nicht ständig drüber nach, was wir falsch gemacht haben, wo wir versagt haben oder was uns alles Schlimmes widerfahren ist. Dann hätten wir ja gar nicht den Kopf frei. Aber dennoch schleppen wir diesen gesamten Ballast ständig mit uns herum.
Denn wenn wir auch im Bewusstsein nicht immer dran denken, das Unterbewußte vergisst nie. Es kann nicht vergessen.
Und so sammeln sich all die negativen Erfahrungen unseres Lebens, alle Situation in denen wir nicht "richtig" gehandelt haben, alle unsere Ängste, im Unterbewussten. Diese Sammlung ist kein Unbekannter, in allen Kulturen ist sie bekannt, wir nennen diese Sammlung Schatten. 
Und dieser Name ist sehr passend, denn wie unser Schatten ist auch dieses Ungetüm immer bei uns, es lauert im Dunkel um dann zuzuschlagen, wenn wir es am wenigsten erwarten.

Jedenfalls kommt es den meisten so vor, als wäre es ein Ungeheuer, das ist es aber nicht. Es ist ein Teil von uns, es ist der Teil von uns, den wir nicht haben wollen. Aber es ist auch ein sehr wichtiger Teil von uns. Der Schatten hilft uns, Situationen richtig einzuschätzen, er ist ein wichtiger Erfahrungsschatz. 
Aber er ist unangenehm, sehr unangenehm. Und deshalb verdrängen viele Menschen den Schatten, denn sie wollen ihn nicht wahrhaben. Im Christentum wird er soweit verdrängt, daß er eine eigene Personifizierung erhielt: Den Teufel.
Aber das ist eine schlechte Angewohnheit. 
Wir müssen uns unserem Schatten stellen, müssen ihn akzeptieren und umarmen. Und das meine ich wörtlich, denn es funktioniert. Wenn wir diesen Schritt erstmal getan haben, dann können wir den Schatten auch für uns nutzen, anstatt ihn immer nur zu verdrängen.

zum Künstler - http://der-koch.deviantart.com/art/

In vielen Völkern gibt es Rituale, um sich seinem Schatten zu stellen. Bei manchen werden die Betreffenden bis zum Hals eingegraben, so daß sie nicht fliehen können und dank bewußtseinserweiternder Drogen sind sie in der Lage, ihren Schatten zu erkennen.
Nun, solch eine Pferdekur schlage ich nicht vor. Ich schlage etwas vor, was nicht viel leichter ist, vielleicht sogar schwerer. Nämlich, daß Du Deinen Schatten selber rufst.
Es gibt meines Wissens kein festes Ritual, was Du machen musst, deshalb verstehe dies nur als eine Möglichkeit. Es kann auch sein, daß der Schatten Dich eines Nachts überfällt, so wie es bei meiner ersten Begegnung mit ihm war.
Sei gefasst, der Schatten wird Dir in der Form begegnen, vor der Du am meisten Angst hast. Er wird Dir eine Angst einjagen, die Dich alles andere wie einen Kinderspaziergang erscheinen läßt. Aber es ist wichtig, daß Du diesen Schritt vollbringst.
Am besten nimmst Du Dir den Abend und die Nacht Zeit, am nächsten Tag solltest Du nichts Wichtiges vor haben, denn es kann sein, daß Du diese Nacht nicht viel schläfst.
Beginnen tust Du, indem Du die Wohnung reinigst und alles aus Deiner Umgebung durch ein großes bannendes Pentagramritual fort scheuchst. Nur so kannst Du sicher sein, daß das, was Dir später Angst einjagt tatsächlich Dein Schatten ist. Dann wäre eine Räucherung eine gute Sache - irgendetwas, was den reinigenden und zusammenführenden Effekt verstärkt.
Nun gehst Du ins Bett, die ganze Zeit den Gedanken, Deinen Schatten zu treffen, im Kopf.
Nun kommt es auf die Nacht an, dazu kann ich nichts sagen außer: Wenn nichts passiert versuch es erneut. Wenn Du fliehst versuch es erneut. Wenn es nur ein bisschen funktioniert, versuch es erneut.
Wenn Du große Angst verspürst ist das ein Erfolgszeichen. Andere Einflüsse hast Du ja vorher beseitigt, also müsste diese Angst tatsächlich vom Schatten kommen. Du kannst ruhig Angst haben, ja Du sollst Angst haben. Spiele nicht den Helden, Du darfst und sollst weinen, schreien, schluchzen.
Wenn Du nun also endlich im Traum/Trance Deinem Schatten begegnest, dann musst Du Dich überwinden und ihn umarmen. Nicht umarmen, weil es eben sein muss sondern weil er ein Teil von Dir ist. Ein lange verdrängter Teil, quasi etwas wie der verstoßene Sohn/Tochter die nun zurückkommt und Dich erst wieder komplett macht.

Mancher hat einen großen Schatten, mancher nicht ganz so einen großen. Trotzdem kommt er jedem gewaltig vor und deshalb ist vor diesem großen Schritt meist noch sogenannte Schattenarbeit zu leisten. Das bedeutet nichts anderes als dass Du lernst, im Alltag zu Deinen dunklen Seiten zu stehen und sie zu akzeptieren.
Du musst verinnerlichen, daß der Schatten ein wertvoller Teil Deines Selbst ist.