Babylon

Letzte Änderung: 11.07.2018

Drei zentrale Fragen, die die Babylonier und Assyrer besonders beschäftigten, fanden in Ihren Mythen Niederschlag, Antwort und Lösung. Die Frage nach dem Ursprung des Weltalls und seiner Ordnung, das Streben nach der Ausrichtung des eigenen Selbst in dieser Ordnung, verbunden mit der Unterwerfung gegenüber den Göttern und deren Willen sowie das Streben nach der eigenen Unsterblichkeit. Der bekannteste Mythos ist der Gilgamesch-Epos in dem Suchen, Hoffnung und Streben der beiden Völker seine umfassendste Darstellung findet.

Gilgamesch-Epos

Der Gilgamesch-Epos ist sicherlich das bekannteste Vermächtnis aus dem alten Babylon und Asyrien. In ihm wird das sinnlose Streben nach Unsterblichkeit beschrieben, das letztlich nur die eigene Vernichtung zur Folge hat.
Der Epos ist auf 12 Tafeln niedergeschrieben. Der größte Teil des noch erhaltenen Textes stammt aus der großen Tontafelbibliothek, die der Assyrerkönig Aschurbanapli (669-627 v.Chr.) in seiner Hauptstadt Ninive aufgestellt hatte. Wenig älter oder gleichzeitig sind einige Bruchstücke, die in der alten Hauptstadt Assyriens, Assur am Tigris, und auf dem Hügel Sutantepe (alt Chusirina) nahe Harran in Nordmesopotamien gefunden wurden. Noch jünger sind etliche Bruchstücke aus Babylonien. Die Übersetzung von Prof. Dr Albert Schott, die trotz mancher Fragwürdigkeiten als die schönste gilt, dient als Grundlage für diese Zusammenfassung. Wer die Übersetzung ganz lesen will, der möge sich an den Link zum Thema halten.

1. Tafel
Gilgamesch, der Held des Epos, war kurz nach der Sintflut (die in fast allen Schöpfungsmythen der Welt eine große Rolle spielt) König von Uruk. Er war übermächtig, stattlich, kundig und weise.
Er herrschte als Tyrann über sein Volk, verlangte das Recht der ersten Nacht - das Recht, im Falle einer Hochzeit in der ersten Nacht mit der Braut zu schlafen. Er galt zu zwei Dritteln als Gott, seine Erscheinung war dementsprechend.
Seine Unterdrückung der Bevölkerung rief Unfrieden hervor und die Bevölkerung beklagte sich ständig bei den Göttern, bis diese die Klagen erhörten und Aruru erschuf Enkidu als Gegner zu Gilgamesch.
Enkidu war ein Naturmensch, der friedlich unter den Tieren lebte und mit ihnen sprach. Als Gilgamesch davon hört läßt er Enkidu durch eine Tempeldienerin des Ischtar-Tempels verführen und nach Uruk bringen.
Gilgameschs Mutter kündigt durch Deutung einiger Träume Gilgameschs die Ankunft Enkidus an.

2. Tafel
Enkidu reift zum Menschen heran, lernt zu essen und zu trinken, kleidet und wäscht sich. Schließlich kommt er mit Tempeldienerinnen nach Uruk. Als er dort Gilgamesch begegnet verstellt er ihm den Weg und die beiden beginnen einen Zweikampf.
Dieser geht unentschieden aus. Voneinander schwer beeindruckt schließen die beiden Freundschaft. Gilgamesch weiht Enkidu in seinen Plan ein, Chumbaba, den riesigen und boshaften Wächter des Zedernwaldes (Libanon), zu stürzen. Enkidu versucht, seinen neuen Freund von diesem Vorhaben abzuhalten, alle Orakel sprechen gegen den Plan. Doch schließlich rüsten sie sich zusammen für den bevorstehenden Kampf.

3. Tafel
Gilgamesch bekommt schließlich den Segen der Ältesten von Uruk, Enkidu bitten sie, Gilgamesch zu beschützen. Enkidu drängt zum Aufbruch. Gilgamesch verabschiedet sich von seiner Mutter, die beim Sonnengott um Schutz und Glück für ihren Sohn bittet.

4. Tafel
Auf dem Weg in den Zedernwald geschieht nichts besonderes, die beiden essen und trinken regelmäßig. Enkidu bereitet das Nachtlager vor und Gilgamesch besteigt jeden Abend einen Berg, um Opfer darzubringen und um einen positiven Traum zu bitten. Er erhält verwirrende Träume, die Enkidu als positive Botschaften für ihre Mission deutet. Ermutigt von Schamasch, dem Sonnengott, betreten die beiden den Wald. Ein Schrei des Wächters allerdings versetzt Enkidu so sehr in Angst, daß Gilgamesch seine ganze Überredungskunst aufwenden muß, um ihn an der Umkehr zu hindern.

5. Tafel
Die riesigen Bäume des Zedernwaldes wirken sehr beeindruckend auf die beiden, ein Graben umgibt den gesamten Wald und sie entdecken die Fußspur Chumbabas.
Tiefer im Wald treffen sie auf den Riesen, der die beiden verhöhnt und Enkidu beschimpft, daß dieser Gilgamesch bis zu ihm gebracht hat. Die riesige Gestalt des Wächters erschreckt Gilgamesch dermaßen, daß diesmal Enkidu seinem Freund Mut zusprechen muß.
Ein gewaltiger Kampf beginnt, den die beiden mit Hilfe des Sonnengottes für sich entscheiden können. Als der Riese schließlich mit Versprechungen sein Leben retten will erschlagen sie ihn endgültig. Kurz vor seinem Tod verflucht Chumbaba die beiden noch. Danach fällen die beiden die heilige Zeder und zimmern aus ihr ein gewaltiges Tor für die Stadt. Mit einem Floß fahren sie schließlich über den Euphrat zurück nach nach Uruk.

6. Tafel
Zurück in Uruk ist die Liebesgöttin Ischtar von seinem Erfolg und seiner Schönheit so beeindruckt, daß sie ihn für sich gewinnen will, indem sie sich ihm als Geliebte anbietet. Doch schon zu viele vorherige Liebhaber vor ihm hat Ischtar ins Unglück gestürzt und Gilgamesch lehnt sie mit einer langen anklagenden Rede ab.
Ischtar beschwert sich bei ihrem Vater, dem Gott des Himmels, über diese Schmach und verlangt von ihm, daß er den Himmelsstier auf die Erde sende, um Gilgamesch zu töten. Anu gibt ihr das gefährliche Tier, die es in Uruk freiläßt, wo er viel Unglück hinterläßt. Doch Gilgamesch und Enkidu können das Tier besiegen, woraufhin Ischtar in großen Wehklagen ausbricht. Gilgamesch aber läßt zur Freude des Tages ein großes Fest in seinem Palast ausrichten.

7. Tafel
Die Götter sind von Gilgameschs Handeln nicht begeistert und beschließen als Strafe für das Töten Chumbabas und des Himmelsstiers Gilgameschs Tod. Doch Enlil, der oberste der Götterwelt, beschließt, dass Enkidu statt Gilgamesch sterben soll, woraufhin dieser schwer erkrankt.
In Fieberträumen sucht Enkidu einen Schuldigen für dieses ungerechte Urteil und hält mal die Tür aus dem Holz der gefällten Zeder, mal den Jäger, der ihn fand, mal die Tempeldienerin schuld an seinem Schicksal. In einem prophetischen Traum kündigt sich Enkidus Tod an und nach 12 Tagen liegt er endgültig im Sterben.

8. Tafel
Gilgamesch hält eine lange schmerzvolle Totenklage über seinen verlorenen Freund und verzweifelt über sein Leben. Gilgamesch läßt eine prachtvolle Statue von seinem Freund anfertigen, die fortan an seiner Seite sitzen soll. Als Ausdruck seines Schmerzes beschließt Gilgamesch, sich fortan nicht mehr zu waschen und nur mit einer Löwenhaut bekleidet in die Steppe zu gehen. Leider fehlt an dieser Stelle ein großes Stück derTafel, es wird aber wahrscheinlich die Beerdigung Enkidus beschrieben.

9. Tafel
Enkidus Tod stellt auch gleichzeitig den Wendepunkt des Epos dar. Von nun an tritt Gilgameschs Angst vor dem Tode in den Vordergrund. Er findet sich nicht mit seinem Schicksal ab, auch irgendwann einmal sterben zu müssen.
So macht er sich auf den den langen Weg zum weisen Utnapischtim (er entspricht in etwa dem Noah der Bibel), der Geheimnis des ewigen Lebens kennt.
Auf dem Weg zu ihm muß Gilgamesch den Berg Maschu durchqueren, dessen Eingang von den Skorpionmenschen bewacht wird, die ihn, angerührt von seinem Klagen, passieren lassen. Nach einigen Stunden Wegstrecke in der Dunkelheit kommt er schließlich in einen wunderbaren Garten, in dem jeder Baum Edelsteine trägt.

10. Tafel
Am Meer findet Gilgamesch eine Taverne, wo er die kluge Schenkfrau Siduri trifft. Sie verweigert ihm zunächst den Eintritt. Als er ihr seine Geschichte erzählt versucht sie erfolglos, ihn davon zu überzeugen, die Suche aufzugeben und statt dessen das Leben zu genießen.
Schließlich weist sie ihm den Weg zum Fährmann Urschanabi, der ihn zu Utnapischtim bringen soll.
Als der Fährmann ihm die Überfahrt über das Wasser des Todes verweigert zerschmettert Gilgamesch vor Wut die Ruderstangen Urschanabis, mit denen allein das Wasser des Todes überquert werden kann. Doch von Gilgameschs Geschichte gerührt weiß der Fährmann Rat und so fertigen sie gemeinsam 120 hölzerne Ruderstangen an, die jeweils nur einmal ins Wasser eingetaucht werden können.
Als er schließlich bei Utnapischtim ankommt schildert er auch ihm sein Schicksal und Utnapischtim hält eine lange Rede, die mit der Feststellung endet, daß allen Menschen der Tod vorbestimmt ist.

11. Tafel
Utnapischtim erzählt Gilgamesch die Geschichte von der großen Sintflut. Die Geschichte entspricht in etwa der biblischen Erzählung, die wahrscheinlich hierauf begründet ist. Er hat auf Anweisung der Götter die Tiere und Früchte des Feldes in ein großes Schiff gebracht, wo durch nur er und seine Familie sowie die Tiere und Früchte überlebten. DieGötter hatten ihn daraufhin unsterblich gemacht, allerdings auf diese einsame Insel verbannt.
Um Gilgamesch von der Schwäche der Menschen zu überzeugen fordert er ihn auf, sechs Tage und sieben Nächte hintereinander nicht zu schlafen. Gilgamesch aber schläft bald für sieben Tage ein und Utnapischtim backt jeden Tag ein Brot, das er Gilgamesch zum Beweis an sein Kopfende legt.
Als er wieder erwacht enthüllt Utnapischtim ihm das Geheimnis des Krautes der ewigen Jugend. Ohne zu zögern holt Gilgamesch durch einen langen Schacht aus den Tiefen des Urozeans Apsu das Kraut der ewigen Jugend.
Bei einer Pause auf seinem Rückweg in die Stadt läßt Gilgamesch das Kraut einen Augenblick unbeaufsichtigt und eine Schlange frißt die Pflanzen der ewigen Jugend, die sich wenig später verjüngt. Die Tafel endet damit, daß Gilgamesch den Fährmann Urschanabi nach Uruk einlädt, um die Stadt und deren Mauern zu bestaunen

12. Tafel
Vermutlich ist die 12. Tafel in der uns vorliegenden Gestalt nur eine Art von Anhang, denn sie setzt an ihrem Anfang voraus, dass Enkidu noch lebt, obwohl er doch bereits am Ende der siebten Tafel stirbt. Zu Beginn der Tafel klagt Gilgamesch, dass ihm seine Trommel und die Trommelstöcke in die Erde gefallen seien. Enkidu verspricht, die Gegenstände aus der Unterwelt heraufzuholen. Infolge der Verletzung der Tabus der Unterwelt wird Enkidu aber in dieser festgehalten. Er kann nur als Totengeist zur Erde zurückkehren und Gilgamesch die traurige Situation der Toten schildern. Seit Bekanntwerden der sumerischen Gilgamesch-Dichtungen steht fest, dass die 12. Tafel weithin eine fast wörtliche Übersetzung der zweiten Hälfte der sumerischen Dichtung "Gilgamesch, Enkidu und die Unterwelt" ist. Hierdurch unterscheidet sie sich grundsätzlich von den ersten 11 Tafeln, die nicht aus dem Sumerischen übersetzt sind, sondern eine selbständige babylonische Dichtung darstellen. Wir wissen nicht, warum und wann dieser Anhang dem Epos angefügt wurde, ohne dass er inhaltlich mit dem Vorhergehenden abgestimmt wurde. Da die erste Hälfte der sumerischen Dichtung fehlt, wird die 12. Tafel noch schwerer verständlich.

Schöpfungsmythen Babylons

„Himmel und Erde waren noch nicht; allein der uranfängliche Ozean, das süße Wasser Apsu und das salzige Wasser Tiamat waren miteinander vermischt und enthielten Mummu, die Urform des Seins.
Daraus entstanden Lachamu und Lachmu. Sie erhielten Ihre Namen und gehören zu den ersten Göttern. Einstmals, als droben der Himmel noch nicht benannt war, drunten die Erde noch keinen Namen trug, als der Ozean, der uranfängliche, beider Erzeuger, und das Getöse Tiamat, die beiden gebar, Ihre Wasser in eins zusammenmischten, als kein Feld noch gebildet, kein Rohr noch zu sehen, einst, da von den Göttern kein einziger entstanden, kein Name genannt, kein Los bestimmt war - da wurden geschaffen die Götter.“
Lachmu und Lachamu entstanden, weiteste Zeitläufe schwanden. Nach Ihnen entstanden der Himmelsraum Anschar und der Erdraum Kischar. Aus Anschar ging sein Sohn Anu hervor, der große Gott des Himmels.
Anu erzeugte Ea, der an Weisheit und Klugheit alle Götter überragte und stärker war als sein Ahnherr Anschar.
Zuletzt entstand Enlil, der Herr der bewohnten Welt. Die Götter versuchten, Apsu zu überwältigen. Da beriet Apsu sich mit Mummu, und sie gingen beide zu Tiamat, um sie zu bitten, ihnen gegen ihre göttlichen Kinder beizustehen. Da beschloß Tiamat, zusammen mit Apsu und Mummu die göttlichen Kinder zu vernichten. Aber der Gott Ea, der alles weiß, sprach einige Zauberformeln, und Tiamat und Apsu wurden mit Schwäche geschlagen.

Dann erzeugte Ea mit seiner Braut Lachamu den großen Gotthelden Marduk, der 4 Augen und 4 Ohren hat, damit er alles sehe und höre. Wie leuchtendes, strahlendes Feuer ist Marduks Rede und seine Gestalt überragt alle anderen Götter.
Er ist ein Sonnenkind, der Frühlingssohn, der die Finsternis überwältigt. Der Gott Kingu, Tiamats Gemahl, rief Tiamat zur Rache auf. Da sammelte Tiamat ihre Heerscharen; elf widerliche, dämonische Ungeheuer rief sie zum Kampfe auf und gab ihrem Gatten den Oberbefehl.
Ea führte die Götter gegen sie an, aber er war seinen Feinden nicht gewachsen. Ein heftiger Kampf tobte. Ea und die Götter wurden besiegt und mussten weichen, und als Anschar Ea aufforderte, weiter zukämpfen, weigerte sich Ea, den Kampf von neuem aufzunehmen.
Da befahl Anschar seinem Sohn Anu, die Götter gegen Tiamats grausiges Heer anzuführen, aber als Anu die wüste Horde der Feinde erblickte, befiehl ihn heftige Angst, und er bat ihn, ihn seines Auftrags zu entheben. Die führerlosen Götter begaben sich nun wiederum zu Ea und legten ihm nahe, seinen Sohn Marduk zu überreden, den Kampf zu wagen und zu befehligen.
Marduk war zum Kampfe bereit, trat vor Anschar und sprach: „Noch ehe Du zu Ende gesprochen hast, werde ich Deinen Befehl ausgeführt haben. Wie sollten wir uns vor Tiamat, einem Weibe, fürchten?“ „Wohlan!“ sprach Anschar, bringe Tiamat zur Ruhe, daß sie Frieden hält!“
Marduk verlangte für seinen Sieg aber einen hohen Preis: er wollte im Saal der Schicksalsbeschlüsse, in dem die Götter jährlich über die Geschicke der Welt entscheiden, vor allen die Würde des obersten Gottes haben, damit sein Wort und sein Gebot im Himmel und auf Erden, für Götter und Menschen Geltung besitze. Anschar konnte Marduk diese Bedingung nicht zugestehen; so rief er alle Götter im Saal der Schicksalsbeschlüsse zusammen, ließ ein großes Mahl für sie bereiten und wollte sie veranlassen, bei Speis‘ und Trank Marduks Bedingung zu erwägen und in Anbetracht der großen Gefahr anzunehmen.
Alle Götter traten in großer Angst und mit furchtbarem Schrecken in den Saal der Schicksalsbeschlüsse, küßten einander zur Begrüßung, setzten sich an die Tafel und begannen zu essen und zu trinken.
Obwohl sie bald trunken waren, zauderten sie immer noch, Marduks Bedingungen anzunehmen; denn sie hielten ihn nicht für fähig, zu regieren. Schließlich forderten die Götter Marduk auf, einen Beweis dafür zu liefern, daß er genügend Macht und Kraft zur Herrschaft über die Götter besitze. Sie legten ein Kleid vor ihn und forderten ihn auf:„ Oh Marduk, der Du als Weltbeherrscher über göttliche Kraft gebietest! Dein Wort genügt, zu erschaffen und zu vernichten. Befiehlst Du es, so vergeht das Kleid; befiehslt Du dann wiederum, so ersteht es neu!“ Da sprach Marduk sein machtvolles Wort, und das Kleid verging im gleichen Augenblick. Wiederum sprach Marduk sein machtvolles Wort, und das Kleid erstand neu. Als die Götter dies sahen, riefen sie: „So sei Marduk unser Herr!“

Marduk erhielt von den Göttern das Zepter, den Thronsessel und das Beil zum Zeichen seiner Macht und daß er die darin liegende Kraft gebrauche.
Durch sein Wort schuf Marduk sich Bogen und Speere, Keulen und Köcher, den Blitz, ein Netz um Tiamat darin zu fangen, die Winde und Orkane, die Wasserflut und den Streitwagen.
Dann erhob er sich in furchterregender Gestalt und hatte ein Kraut in der Hand, das Tiamats Gift unschädlich machen konnte. „Auf in den Kampf!“ rief Marduk, „daß Tiamat der Lebensatem abgeschnitten werde!“ Als Tiamats Horden Marduks Waffen erblickten, befiel sie furchtbare Angst. Tiamat aber rief eine Zauberformel und schmähte Marduk mit höhnischer Rede; der aber erfasste den Zyklon, seine Waffe und rief ihr entgegen: „Die Du Kingu zu deinem Gemahl erkoren und mit ihm beschlossen hast, Unheil zu stiften und die Götter zu vernichten - komm her, damit wir miteinander kämpfen und uns messen!“
Tiamat stieß mit weit aufgerissenem Rachen ihre Zauberformeln aus, doch Marduk ließ ihr den Sturmwind in den Rachen fahren, daß sie das Maul nimmer zu schließen mochte, blähte ihr den Leib mit schweren Stürmen und schoß ihr einen Pfeil in den Schlund, der ihr Innerstes zerfetzte und ihr Herz mitten durchbohrte.
Dann fesselte Marduk Tiamat, warf sie nieder und stieg als Sieger auf ihren Körper. Tiamats Ungeheuer erschraken gewaltig und ergriffen sofort die Flucht, doch Marduk holte sie alle ein, zerbrach ihre Waffen und fing sie in seinem Netz. Danach spaltete er Tiamats Leib in 2 Hälften und erschuf daraus den Himmel und die Erde. Er bestellte Wächter und befahl ihnen, die Wasser nicht vom Himmel abfließen zu lassen. Als Gegenstück des Himmels erschuf er den Ozean, die Wohnstätte des weisen Gottes Ea.

So schuf Marduk Himmel, Erde und Meer, über die er drei Götter setzte: Anu erhielt den Himmel, Enlil erhielt die Erde, Ea erhielt das Meer.
Weiter erschuf und ordnete Marduk die Sternbilder und bestimmte den Weg der Himmelskörper. Zu beiden Seiten des Himmels öffnete er die Tore, durch welche die Sonne auf- und untergeht; dann bestimmte er die Gestalten und die Zeiten des Mondes.
Als die Götter sich bei ihm beklagten, es gebe keine Wesen, die Ihnen huldigten und ihnen Opfer darbrächten, beschloß Marduk, ihren Wunsch zu erfüllen. So wurde der Mensch erschaffen, dessen Aufgabe darin besteht, die Götter zu ehren und ihnen zu huldigen.
Marduk beriet sich mit Ea, dem Weisen unter den Göttern, und sprach zu ihm: „Blut will ich nehmen, Gebein dazufügen und Lullu erschaffen, den Menschen. Ihm soll der Dienst an den Göttern auferlegt werden. Die Götter teile ich in zwei Gruppen: in die Himmlischen und die Irdischen, und sie sollen alle gleichermaßen von den Menschen geehrt werden, damit sie zufrieden sind.“
Ea gab Marduk den Rat, zur Erschaffung des Menschen einen der Götter zu nehmen, am besten Kingu, der Tiamat zum Aufruhr angestiftet hatte. Kingus Blut solle zur Erschaffung des Menschen verwendet werden.
Marduk befragte die großen Götter und sie billigten Eas Plan. Kingu wurde herbei geholt und getötet, und Marduk erschuf aus seinem Blut den Menschen, den er zum Dienst für die Götter verpflichtete. So entstanden die Menschen durch Marduks Umsicht und Eas Klugheit. Die Götter der unteren Welt waren von Dankbarkeit gegen Marduk erfüllt und gelobten, ihm einen Tempel zu bauen.
Marduk nahm ihr Angebot freudig an und bestimmte Babel zum Ort des Tempelbaus.
Nach einem Jahr war der Tempel vollendet, dessen Spitze bis zum Himmel ragte, und er wurde Anu, Enlil und Ea zur Wohnung angewiesen. Da sprach Marduk zu den Göttern: „Dies ist Babel, das Tor der Götter, der Ort unserer Wohnung!“
Marduk lud alle Götter, fünfzig an der Zahl, zu einem Festmahl in seinen Tempel. Nachdem sie alle gegessen und getrunken hatten und die Tafel abgeräumt war, setzte Marduk ihnen die Gebote für die Aufrechterhaltung und Gewähr der Ordnung der Welt fest.
Zuletzt hielt Anu eine große Lobrede auf Marduk und besang sein herrliches Werk, die Erschaffung und die Erhaltung der Welt: