Anklage

Letzte Änderung: 16.06.2018

Die Anklage

Anfangs hatte man keine Schwierigkeiten, die Häretiker, Hexen und Magier aufzuspüren.
Traten sie doch offen gegen die Kirche an. Nach den blutigen Massakern an den Anhängern ketzerischer Anschauungen waren die Ketzer jedoch gezwungen, ihre wahren Überzeugungen zu verbergen und äußerlich den katholischen Ritus zu befolgen, falls sie nicht wie die Albigenser enden wollten.
Mit der Zeit aber entwickelten die Häscher Erfahrung im Aufspüren getarnter Häretiker - oder auch Übung darin, möglichst viele Leute der Hexerei, Ketzerei oder Häresie anzuklagen, um eine gewisse Geschicklichkeit im Aufspüren derselben vorzutäuschen.
Bei der Jagd auf die Katharer war deren ungesunder asketischer Lebenswandel zum Beispiel verräterisch. Denn das ständige Fasten und die übertriebene Härte führte zu einem verhärteten Ausdruck und blasser, ungesunder Hautfarbe.  Alleine dieses Merkmal genügte manchmal, Menschen vor das Tribunal zu zerren.
Und in späteren Jahren, als es keine Albigenser oder Katharer mehr gab, wurde dieses Merkmal gerne als Hinweis auf Mitgliedschaft einer beliebigen anderen Sekte verwendet.

Um jemanden anzuklagen genügte dabei schon der bloße Verdacht. Und für einen solchen Verdacht genügte schon die Anzeige durch eine andere Person. Das für den Ankläger Angenehme war dabei, daß er anonym blieb und dem Angeklagten die Auskunft über seine Identität verweigert wurde. Angeblich, wahrscheinlich auch tatsächlich, um das Leben des Anklägers zu schützen.

Wer erhob aber solche Anklagen und aus welchen Gründen? Gängige Praxis war wie folgt:
Ein Inquisitor wurde in ein bestimmtes Gebiet entsandt, in dem die Ketzer angeblich besonders viel Einfluß hatten. Er benachrichtigte zunächst einmal den Ortsbischof, damit ihm ein seinem Rang entsprechendes Quartier und das entsprechende Personal vorbereitet werde. Im gleichen Brief wurde der Bischof "gebeten", im Ort einen feierlichen Gottesdienst vorzubereiten, in dem allen im Ort befindlichen Gläubigen für die Teilnahme ein Ablaß von einigen Tagen versprochen wurde. In diesem öffentlichen Gottesdienst stellte dann der Bischof den Inquisitor vor, welcher die Gläubigen dazu aufrief, alles was sie über Hexerei, Ketzerei, Häresie oder sonst irgendwie verdächtigen Dingen wußten, innerhalb von sechs bis zehn Tagen zu melden. Für das Verschweigen von Kenntnissen oder das Verweigern der Zusammenarbeit wurde der Gläubige exkommuniziert. Nur der Inquisitor konnte eine solche Exkommunikation aufheben - für die entsprechenden Dienste versteht sich.

Wer in der festgesetzten Zeit dem Aufruf nachkam erhielt zur Belohnung einen Ablaß von drei Jahren. Man kann sich in der damaligen Zeit die Wirkung eines solchen Versprechens und der gegenteiligen Drohung gut vorstellen. Viele Anklagen wurden nur erhoben, um dem Verdacht der Nicht-Unterstützung zu entkommen und um den Ablaß zu erhaschen. Die meisten dieser Anklagen waren denn auch Erfindungen oder törichte und lächerliche Verdächtigungen.
Gerne wurde diese Möglichkeit auch benutzt, um Rache zu üben oder Gegner oder Rivalen zu beseitigen.
Eine Zurücknahme der Anzeige wurde von der Inquisition nicht zur Kenntnis genommen.

Obwohl es ein Mindestalter für Denunzianten wie für Beschuldigte gab - für Jungen 14 Jahre und für Mädchen 12 - wurden auch Hinweise von jüngeren Personen entgegengenommen und Anklagen gegen sie durchgeführt. Ebenso gegen Schwangere, alte Mütterchen und Kinder. Und auch sie wurden der Folterung unterzogen.
Eine andere Quelle für die Anklagen waren künstlerische, philosophische, politische und andere Schriften, in denen "aufrührerische" Gedanken und Ideen geäußert wurden. Die Tatsache, daß solche mit den Prinzipien der katholischen Kirche nicht übereinstimmten galt als vollkommen ausreichender Beweis für die Anklage des Autors, des Druckers und jeder unterstützenden Person. Häufig bis zum Feuertode wie im Falle des Giordano Bruno (der zugebenermaßen besonders halsstarrig war und des öfteren die Möglichkeit hatte, dem Tribunal zu entgehen).

Die wertvollste Quelle für Anklagen aber war die Selbstanzeige. Diese wurde häufig erreicht, indem der Inquisitor den Gläubigen, welche sich selbst anzeigen mochten, eine Gnadenfrist von 15 bis 30 Tagen einräumte. Wenn der Ketzer während dieser Zeit freiwillig vor der Inquisition erschien, der Ketzerei abschwor, ehrlich bereute und seine Mitschuldigen verriet konnte er sein Leben retten und vielleicht auch sein Vermögen. War dieses allerdings besonders groß, so plünderte ihn die Inquisition häufig bis aufs Hemd aus, unter dem Vorwand, seine Reue sei nicht aufrichtig. Trotzdem fand die Kirche immer genug Schwache, Feige und Dumme, die nicht nur sich selbst anzeigten sondern auch ihre Familie, Freunde und Bekannte.
Man kann sich leicht den Schrecken vorstellen, wenn ein Inquisitor in einen Ort kommt und seine Proklamation verkündet. Jedes Vertrauen schwand, alte Geschichten wurden wieder aufgewärmt, jeder überlegte, welche Geschichten wohl über ihn kursierten. Feindschaft übertrieb vieles. Gregor IX rühmte, daß bei einer solchen Gelegenheit nachher Eltern ihre Kinder und Kinder ihre Eltern, Männer ihre Frauen und Frauen ihre Männer verrieten.