Der Klerus

Letzte Änderung: 15.06.2018

Der reiche Klerus

Das Recht sah im Mittelalter so aus, dass das weltliche Recht und das kirchliche getrennt waren. Daher konnten Pfarrer, Bischöfe, Prälaten, etc nicht vor ein weltliches Gericht zitiert werden.
Kirchliche Gerichte dagegen gab es zwar, allerdings zogen es die Päpste bis auf wenige Ausnahmen vor, den Sündern Straffreiheit zu gewähren oder eine lächerlich geringe Strafe zu verhängen. Gerne wurden auch ermahnende Worte gesendet, ohne eine Konsequenz.
Daher hatten Kirchenfürsten nichts zu befürchten, wenn sie das Volk auch noch so ausbeuteten. Zusammen mit der Tatsache, dass die Laufbahn in der Kirche jedem Menschen offenstand ergab sich eine gefährliche Mischung:
Es gab sehr viele Menschen, welche nicht das Glück hatten, im Adel geboren zu sein - genau genommen waren das fast alle. 
Durch die schrecklichen und hoffnungslosen Umstände stumpfte man ab und interessierte sich außer für sein eigenes Wohlergehen für gar nichts. 
Und durch den Dienst für die Kirche, entsprechenden Ehrgeiz und Skrupellosigkeit vorausgesetzt, konnte man ausgesprochen hohe und einträgliche Ämter erreichen. Sogar bis zum Papst konnte man es als bringen.
Da wundert es nicht, dass hohe kirchliche Ämter ausschließlich als Möglichkeit zum Geldscheffeln gesehen wurden. Das ging so weit, dass das Volk davon überzeugt war, dass ein Bischof niemals das Himmelreich beträte. Tatsächlich gibt es einige Berichte, in denen behauptet wird, ein Bischof wäre jemandem erschienen und hätte von der ewigen Verdammnis geklagt (Z.B. Magister Phillipp, der seinem Freund Wilhelm von Auvergne erschien).
Freilich waren nicht die Bischöfe der Quell der Schamlosigkeit, vielmehr zog sie sich durch die gesamte Hierarchie. Angefangen vom Papst hinunter bis zum kleinsten Pfarrer. 
Und die Möglichkeiten, an das Geld der Untergebenen zu kommen waren mannigfaltig.

  • Der 10te. Ich habe im Geschichtsunterricht noch gelernt, der 10te (also 10% vom Einkommen als Abgabe) würde zu gleichen Anteilen für den Bischof, den Pfarrer, den Kirchenbau und die Armen aufgewendet. Das war anfangs auch so, allerdings wurden Pfarrer und Bischöfe mit der Zeit so raffgierig, dass sie allein den 10ten unter sich aufteilten. Diese Art der Besteuerung, zusammen mit den skrupellosen Eintreibungmethoden, brachte den grössten Missmut im Volk.
  • Verkauf von Ämtern. Es war vom Papst bis hinunter zum Bischof üblich, Ämter, Vorteile und Pfründe gegen Gebühr zu vergeben oder zu verleihen. Das Geld war der einzig ausschlaggebende Faktor, Fähigkeit und Persönlichkeit wurden nur selten geprüft. Häufig wurde das Amt sogar an Kinder vergeben. Dass damit nicht der Fähigste sondern nur der Gerigste in Amt und Würden kam dürfte einleuchten.
  • Raubzüge. Ja, tatsächlich verhielten sich einige Bischöfe eher wie Raubritter denn wie Geistliche. Der Grund hierfür liegt darin, dass das Amt einem jeden offenstand, der es nur bezahlen konnte. Und so kamen manch weltliche Herscher in den Genuss dieses Amtes, um von der praktischen Straffreiheit Gebrauch machen zu können.
  • Exkommunikation. Dieses äußerste Mittel, ein Mitglied der Kirche auszuschließen war als Bestrafung bei den Reichen nur von geringer Wirkung. Als Mittel zum Geldeintreiben war es dagegen sehr erfolgreich. Denn die Exkommunikation war für den Exkommunizierten mit extrem hohen Gebühren belegt. Die Aufhebung derselben sogar mit noch höheren. Und jeder, der im Namen des Pontifex "Recht" sprach durfte dieses Mittel anwenden. Das wurde dann auch gern und häufig getan, besonders bei wohlhabenden Opfen.

Wo es so leicht war, an das Geld seiner Schäfchen zu kommen - unabhängig, ob tatsächlich Kirchendiener oder Betrüger - ist es kein Wunder, dass die meisten Klerikalen ausschließlich am Hab und Gut interessiert waren.
Dies war so schlimm, dass einige (wenige) Geistliche mit Rückgrat das Amt des Bischofs ablehnten, weil sie um Ihr Seelenheil fürchteten, sollten sie dieses Amt bekleiden. Diese Ausnahmen sind allerdings so wenige, dass sie alle genannt werden können - was alleine schon traurig ist.

Fehlendes Vertrauen

Diese ganze Geldmacherei seitens des Klerus hatte also eine ganz offensichtliche Auswirkung: Die Kirchendiener waren so sehr damit beschäftigt, Geld zu machen, dass sie den Dienst am Seelenheil völlig außer Acht ließen.
Es gab sogar Landstriche, wo über Jahre hinweg keinerlei Gottesdienst abgehalten wurde und das Abendmahl nur sehr selten stattfand. Das war aber nach damaliger Vorstellung absolut unerlässlich für das Seelenheil. So kam es, dass das Vertrauen in die Kirche gleich Null war.
Und was passiert, wenn ein Volk das Vertrauen in eine Institution verliert? Es wendet sich an jemand anderen.
Während der gesamten Kirchengeschichte gab es schon immer unterschiedliche Meinungen zu verschiedenen Themen. Es gab Diputationen darüber, ob beim Abendmahl tatsächlich der Leib Christi verteilt wurde oder nur eine gesegnete Oblade. Darüber, ob Jesus der Sohn Gottes, Gott selbst oder ein Mensch mit dem heiligen Geist sei. Und noch viele Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten mehr. Und alle waren sie von ihrer eigenen Richtigkeit überzeugt.
Ein Thema, welches die Gemüter besonders erhitzte war die Frage, ob der Klerus Geld verdienen dürfe oder ob sie ein apostolisches armes Leben zu führen hatten. Dem Volk war selbstverständlich die These der armen Prediger sympatischer, denn diese verlangten kein Geld von ihnen. Außerdem war man sich bei ihnen sicher, dass ihr Anliegen tatsächlich das Seelenheil ihrer Schäfchen ist. Und so kam es, wie es kommen musste:
Die Menschen, welche eine andere Meinung vertraten und dabei am besten noch ordentlich gegen den Klerus wetterten und ein apostolisches Leben lebten oder zumindest einem normalen Beruf nachgingen bekamen regen Zulauf aus dem Volke. Dies waren im 11ten und 12ten Jhdt vor allem die Waldenser und die Katharer - auf deren Lehren und Schicksal ich an anderer Stelle eingehe. Im 12 Jhdt war der Einfluß dieser Gruppen vor allem in Südfrankreich, aber auch im gesamten Mitteleuropa so immens groß, dass die Kirche zu Recht um Ihre Macht fürchtete. So versuchte Papst Innozenz III, seinen Einfluss geltend zu machen. Doch der weltliche Arm in den betroffenen Gegenden zeigte sich unbeeindruckt und vor allem unwillens, etwas gegen die Ketzer zu unternehmen.
Sie hatten einfach ganz andere Sorgen als eine raffgierige Kirche zu unterstützen, vor deren Waffen sich ohnehin niemand mehr fürchtete. Und sie wollten ihr Volk nicht durch weitere Zwangsmaßnahmen noch weiter gegen sich bringen. So kam es, dass alle Aufrufe vom heiligen Stuhl zum Thema Bekämpfung der Ketzerei ungehört verschallten. Selbst die verlockendsten Angebote mit Ablässen wurden ignoriert. Wahrscheinlich war man sich aufgrund der Erfahrung in den Kreuzzügen sicher, dass die Versprechen die Mühsal nicht lohnten. 
Es wurde sogar kaum geantwortet. Und wenn, dann auf die Weise, dass die Fürsten gerne alles täten, um die Kirche zufrieden zu stellen, es ihnen aber an Möglichkeiten fehlte, die Hälfte der Bevölkerung auszurotten.
In vielen Gegenden war sogar der Bischof dermaßen verarmt, dass es sich sein täglich Brot fast erbetteln musste. Denn seinen Anteil am zehnten wurde von ansässigen Rittern und den Priestern geraubt, und mit Pfründen und Amtsverkäufen war auch kaum noch etwas zu verdienen. Die Menschen folgten den Ketzern, weil diese ihnen das richtige Leben vorlebten und ihnen Beispiele waren. Außerdem gaben die Ketzer ihnen, was die Kirche nicht bot: Eine Grundversorgung an Seelenheil durch regelmäßige Predigten, Abendmahl und dergleichen.
Die Ketzer waren sogar schon soweit organisiert, dass sie eigene Synoden abhielten, eigene Bischöfe ernannten und sich selber insgeheim als legitime Nachfolger der katholischen Kirche bezeichneten.
Nun mag manch einer sagen, wenn die Situation so schwer war, dann hätte die Kirche ja eigentlich keine andere Möglichkeit gehabt, als mit Gewalt vorzugehen.
Nunja, wenn es eine fremde Macht gewesen wäre wie die Osmanen, dann mag das ja vielleicht stimmen. Aber hier ging es um ein selbstgeschaffenens Problem. Dass das Volk gerne wieder zur römischen Kirche zurückkehrte, wenn diese ihnen nur das Grundmaß an Seelenheil böten, zeigen einige Beispiele, in denen katholische Prediger in Ketzergebiete gesandt wurden, wo sie den Menschen ebenfalls apostolisches Leben vorlebten und regelmäßige Predigten wie auch Abendmale abhielten. In einigen Fällen war es leicht, die Gläubigen wieder auf den katholischen Weg zu bringen. In anderen hätte es mehr Mühe und Zeit gekostet. Aber möglich war es allemal. Das sah natürlich auch die römische Kirche. Und just zu dieser Zeit kamen ein Franziskus und ein Dominikus daher und baten um die Bestätigung ihres Bettelordens. Diese wurde gewährt und nach relativ kurzer Bewährungsphase wurden die Mitglieder dieser Orden in Länder des schwersten Ketzertum gesandt, um dieses auszurotten. Ebenso wurden sie in heidnische wie muslimische Länder geschickt, um dort das Wort des Papstes zu predigen.
Die Orden waren nur dem Papst gegenüber Rechenschaft schuldig, was dieser gerne nutzte, um seine allzu selbstsüchtigen Bischöfe in Zaum zu halten. So kam es zu teils recht heftigen Machtkämpfen zwischen ansässigem Klerus und Bettelorden, welchen die Orden wegen ihrer direkten Verbindung zum Papst meist für sich gewannen.
Aber in diesem Erfolg lag auch der Schlüssel zum Untergang der guten Vorsätze. Hatten Dominicus und vor allem Franziskus wohl ihre Grundsätze nie verraten, so fiel es ihren Nachfolgern nur um so schwerer, den Verlockungen des Geldes zu entgehen. Das leuchtende Beispiel eines Franziskus vor Augen, der zur selbstauferlegten Buße für ein kleines bisschen Stolz mit einem Aussätzigen aus einer Schale speisste, musste ein ganz normaler Mönch zu dem Schluss kommen, dieses Ideal niemals erreichen zu können. Warum also nicht den Verlockungen des Mammons ein  bisschen nachgeben - es ist doch zum Wohle des Ordens.
Es war ja nichtmal notwendig, Geld zu verlangen. Den Bettelorden wurden viele Schenkungen angeboten und Nachlässe vermacht. So kam es denn, dass die Bettelorden schon bald nicht mehr so arm waren und auch an vielen Orten ansässig wurden. Ihre Bauten konnten sich dort ohne weiteres mit denen des ansässigen Klerus messen und sie lieferten sich heiße Intellektuelle Duelle. Vor allem in Paris, wo die wichtigste Kirchenschule ansässig war, gab es unablässige Kämpfe zwischen Bettelorden und der Schule.
So boten die Orden, dem Beispiel der Kirche folgend, einen guten Nährboden für ehrgeizige junge Männer. Dem Volk blieb dies natürlich nicht verborgen und schon bald waren die Bettelorden fast genauso unbeliebt wie die ordentliche Kirche.
Man kann der Kirche nicht vorwerfen, dass sie keine Reformversuche gemacht hat. Aber die Waffen der Kirche waren stumpf gegen die Raffgier und die Unbotmäßigkeit ihrer Vertreter. Was vermutlich daran liegt, dass der Stuhl in Rom mindestens ebenso raffgierig und Unbotmäßig war.
Die Kirche war auch nicht in der Lage, die vortrefflich funktionierenden Strukturen großer Ketzergemeinschaften wie den Katharern zu übernehmen.
Statt auf Vernunft wurde ein Werkzeug benutzt, welches zu jener Zeit nur zu gut bekannt war: Gewalt und Unterdrückung.