Fallbeispiele

Letzte Änderung: 16.06.2018

Ich finde, Beispiele sind greifbarer als triste Theorie. Auch scheint es im nackten Text, als würde die Inquisition etwas homogenes über ganz Europa verteiltes gewesen sein.
Dem war natürlich nicht so, und um der traurigen Geschichte ein Gesicht zu geben will ich hier einige Fallbeispiele benennen.
Nicht alle Fälle hier hängen direkt mit der Inquisition als Institution zusammen, manche handeln sogar vor ihrer "Erfindung". Nimm diese Fälle einfach als Beispiele für das Leben und die Verwirrungen in Glaubensdingen zu jener Zeit. Bei diesen Verwirrungen spielte die Inquisition natürlich eine große Rolle aber nicht die einzige.

Tanchelm

Tanchelm de Ketter

Im Jahre 1108 trat auf den Inseln von Seeland ein Prediger namen Tanchelm auf den Plan. Er scheint ein gelehrter Mönch zu sein, sehr geschickt in der Diskussion.
Er predigt die Dinge, die von den Menschen gehört werden wollen: Die Würde der Kleriker ist wegen ihrer Verfehlungen nichtig. Das Abendmahl von solchermaßen ehrlosen Menschen ist ebenso wertlos. Der Zehnte sei nicht zu bezahlen. Und so weiter.
Selbstverständlich gefiel das den Leuten und sie liefen ihm scharenweise zu. Bald waren er und seine Lehren in ganz Flandern bekannt. Aber im Gegensatz zur Kirche empfand er seine Lehren nicht als Häresie, er begab sich sogar nach Rom, um ein Bistum zu erlangen. Dieses Ansinnen blieb freilich unerfüllt.
Als er allerdings auf dem Rückweg im Jahre 1112 durch Köln kam wurde er vom dortigen Erzbischof ins Gefängnis geworfen.
Einige seiner Begleiter bestanden die Wasserprobe und durften gehen. Andere konnten entkommen. Von den Anhängern, die blieben wurden drei in Bonn auf den Scheiterhaufen gebracht.
Tanchelm selbst kam nach Brügge, wo allerdings wegen des Bannspruchs des Papstes sein Ansehen gen Null ging. In Antwerpen jedoch hatte sein Ansehen kaum gelitten und so konnte er hier sein missionarisches Werk fortsetzen.
Im Jahre 1115 wurde er dann von einem zelotischen Priester erschlagen.
Übrigens starb seine Lehre nicht mit ihm. Sie konnte erst aus der Welt geschafft werden, als 1126 der hl Norbert wieder eine vernünftige Messe einführte und den Menschen ein Vorbild war.

Eudo

Kurze Zeit nach Tanchelm trat in der Bretagne ein gewisser Eudo von Stella oder auch Eum auf.
Er war scheinbar nicht der hellste, aber wie man sich erzählt, war er ein leidenschaftlicher Redner, der Menschen zu begeistern wusste.
Durch die Worte während der Kollekte "per Eum, qui venturus est judicare vivos et mortuos" kam er auf die Idee, der wiedergeborene Sohn Gottes zu sein.
In Zeiten der religiösen Unsicherheit war es ein Leichtes, mit dieser Botschaft Anhänger zu finden.
Seine Lehre griff um sich und 1145 traten Kardinal Alberich von Ostia sowie Erzbischof Hugo von Rouwen im Wortgefecht gegen ihn an - und gewannen natürlich. Das schwächte Eudos Position allerdings kaum. Das vollbrachten erst die Soldaten, die gegen ihn geschickt wurden.
Viele seiner Anhänger wurden gefangen genommen und in Alet verbrannt, weil sie sich weigerten, zu widerrufen.
Eudo zog sich nach Aquitanien im Südwesten des heutigen Frankreich zurück.
Im Jahre 1148 kam er in die Champagne, wo er ergriffen und auf dem Konzil von Rheims Papst Eugen III vorgeführt wurde. Dieser erkannte seine offensichtliche Verrücktheit und schickte ihn in die Obhut von Abt Suger von St Denis wo er schon bald starb. Ein Großteil seiner Jünger aber blieb hartnäckig bei seiner Lehre und zog den Scheiterhaufen einem Widerruf vor.