Opfer

Letzte Änderung: 16.06.2018

Wie viele Opfer waren es tatsächlich?

Immer wieder hört man von 9 Mio Hingerichteten. Diese Zahl ist allerdings an den Haaren herbeigezogen. Sie wurde vom Quedlinburger Stadtsyndikus (zuständig für die Rechtsgeschäfte einer Stadt oder Gemeinde)Gottfried Christian Voigt (1740-1791) errechnet, der von den Opfern innerhalb seines Fürstentums in 30 Jahren einfach auf ganz Europa und1100 Jahre hochrechnete. Daß diese Berechnung sehr vereinfacht ist und weit am tatsächlichen Wert vorbeischießt dürfte jedem einleuchten. Denn einerseits unterlag die Zahl der Opfer einem stetigen Wandel, zum anderen änderte sich die Zahl der Bevölkerung, welche in die Berechnung mit einfloß, im Laufe der Zeit. Und die 1100 Jahre Voigts bleiben dahingestellt, da er das Pontifikat Papst Gregors des Großen als Beginn nahm, der die Hexenprozesse einführte, die vor dem 13ten Jhdt. aber kaum durchgeführt wurden.

Heute gilt eine Zahl von etwa einer Million zum Tode Verurteilter als glaubwürdig. Dabei ist sowohl die Bevölkerungsentwicklung in den einzelnen Staaten als auch der Verlauf der Inquisition berücksichtigt. In dieser Zahl sind neben den durch die Inquisition zum Tode Verurteilten in Europa, dem nahen Osten sowie Amerika auch jene, die in effigie (in Abwesenheit) und post mortem (nach dem Tode) verurteilt wurden.

Um eine ungefähre Einschätzung der Relationen zu ermöglichen eine Rechnung:
Als durchschnittliche Bevölkerung Europas zwischen dem 13. und 17 Jhdt kann man etwa 45Mio annehmen. Davon eine Million zum Tode Verurteilte sind auf die heutige Zahl von 374 Mio Einwohnern umgelegt eine Opferzahl von 8,3Mio zum Tode Verurteilten. Das sind Berlin, Hamburg und Paris zusammen genommen.

Bei all der Rechnerei darf man auch eines nicht vergessen: Die errechneten Opfer sind nur jene armen Seelen, die tatsächlich zum Tode verurteilt wurden. Nicht mit eingerechnet ist die weit höher liegende Zahl der zu Kerker oder anderer Strafe Verurteilten, welche während dieser Strafe gestorben sind und auch nicht jene, welche in kircheninternen Kreuzzügen starben, wie z.B. die Albigenser oder die Templer.
Auch nicht mitgerechnet wurden die vielen Menschen, deren Existenz durch die Inquisition vernichtet wurde, indem sie verstümmelt oder krank wurden, sie jeden Tag vor dem Tribunal verbringen mußten, sie nirgends mehr arbeiten durften und dergleichen mehr. Diese Zahl läßt sich nicht ermessen, eine sehr vorsichtige Schätzung kommt aber auf 10 - 20 Millionen Menschen.

Ebenfalls nicht mit eingerechnet sind die Opfer in der Bevölkerung alleine schon durch die ständige Bedrohung, das allgemeine Mißtrauen, die öffentlichen Hinrichtungen und den Versuch, den Fortschritt und die Humanität aufzuhalten.
Die tatsächliche Zahl der direkten und indirekten Opfer kann meiner Meinung nach nur eine sein: die gesamte Bevölkerung im christlichen Machtbereich während der Zeit der Inquisition! Und danach. So gesehen sind auch wir Opfer der Inquisition. Im Folgenden werden wir mal die Gruppen der Opfer im Einzelnen anschauen.

Hexen

Die Gruppe derer, die tatsächlich als Hexen und Zauberer angeklagt und verurteilt wurden, ist irritierenderweise eine eher kleine - im Verhältnis z.B. zu den Katharern. Trotzdem ist immer wieder die Rede von Hexenverbrennnungen und Hexenverfolgung.

Woran liegt das? Nun, das hat verschiedene Gründe. Im Volk war der Glauben an die Magie weit verbreitet und wenn jemandem etwas zustieß wie eine Fehlgeburt, eine Missernte, ein Hagelsturm, dann war man schnell mit der Erklärung bei der Hand, eine missgelaunte Zauberin sei verantwortlich. Das kann man auch heute noch bei vielen Volksstämmen beobachten. Und daß Zauberei somit verboten gehört leuchtete allen ein - schließlich stand es ja schon in der Bibel (die freilich kaum jemand kannte oder lesen konnte).
Die Verfehlungen der Häretiker dagegen konnte kaum jemand nachvollziehen. Man sah zwar, daß diese verfolgt wurden, aber der gemeine Bauer war kaum in der Lage, die akademischen Unterschiede zu erkennen. Ob jetzt die Oblade tatsächlich der Leib Christi sei oder nur ein Symbol war ihm egal, solange sie nur wirkte.
Mehr noch: Die meisten Ketzer und Häretiker lebten das Wort Christi besser und überzeugender vor als manch vollgefressener und habgieriger Kleriker. Dazu kommt auch, daß die Anklage als Hexe weniger Beweise benötigte als eine Häresie. Eine Häresie musste durch Diskussion mit dem Angeklagten bewiesen werden - falls dieser es nicht direkt offen zugab wie die Katharer, um dann freudig in den Tod zu gehen, wie die Quellen es beschreiben.
Daher kommt, daß die man eine Anklage als Hexe am meisten fürchtete. Außerdem muß man sich überlegen, was der Begriff Hexe in den Ohren der damaligen Zeit bedeutete: Eine Frau (meistens), die durch Zauberei einem jeden schaden kann, der sie auch nur schief anschaut. Sie sei eine alte hässliche Frau, die sich aber zum Zwecke der Verführung in eine wunderschöne junge Frau verwandeln kann. Sie stiehlt Kinder, um sie zu schlachten und aus ihrem Fett eine Flugsalbe zu brauen, mit deren Hilfe sie hin und wieder per Haushaltsgerät auf den Hexensabbat fliegt. Hier läßt sie es sich vom Teufel, vom ausgegorerenen Bösen, vom schwefelstinkenden Ziegenfuß, mal so richtig besorgen - von allen Seiten, mit allen Mitgliedern des Festes. Da wird gesoffen, gehurt und dem Satan gehuldigt. Und so weiter und so weiter ...
Häretiker dagegen sind (meistens) der Meinung, daß Christen wieder leben sollten wie Jesus und die Apostel es getan haben. Das war's eigentlich schon.
Was von diesen beiden Bildern ist wohl einprägsamer? Und so kommt es, dass sich die Verfolgung der schlimmen Satansanbeter tiefer ins allgemeine Bewusstsein gegraben hat als daß Schicksal der vielen Abweichler vom Glauben. Dazu kommt, daß die Anklagen fröhlich durcheinandergeworfen wurden. So kam es häufig vor, daß eine Person als Wicliffler, Katharer, Lutheraner, Hexe und Zauberer und dann noch als Jude angeklagt wurde. Das sind immerhin fünf unvereinbare Gegensätze. Aber dafür klingt es so schön schaurig. Wie schrecklich muss dieser Mensch sein, dem so viel schlimmes vorgeworfen wird. Irgendetwas muss der ja getan haben. Ich will natürlich nicht das Opfer der Hexen herunterspielen. Denn auch wenn ihre Zahl im Vergleich zu den anderen Opfern relativ gering ist sind es immer noch sehr sehr viele Menschen gewesen, die dieser Hysterie zum Opfer fielen.
Und man darf auch nicht vergessen, von den Ketzern und Haretikern waren die meisten vermutlich immerhin tatsächlich Abweichler - auch wenn das eine dünne Anklage für eine so scheußliche Strafe ist.
Die meisten als Hexe Angeklagten dagegen waren ziemlich sicher keine Hexen. Sicherlich waren einige dabei, aber der Großteil dürfte unschuldig gewesen sein und einfach nur einem Nachbarn missfallen haben, durch eine ungewöhnliche Eigenheit aufgefallen sein oder durch seinen Reichtum die Gier der Mächtigen geweckt haben.

Manichäer

Illustration aus der elfteiligen Gesamtausgabe der Werke des Kirchenvaters Augustinus von 1506 (Petri, Basel)

Um die meisten Ketzereien zu begreifen, muß man zunächst den Ursprung kennen. Dieser liegt meistens bei den Manichäern und Neoplatonisten.
Da die Lehre der Neoplatonisten auch in der Kirche weitergeführt wurde lauteten die Anklagen meist auf (unter anderem) Manichäismus. Im Jahre 216 u.Z. wurde in Persien Mani geboren. Er sollte später einen ziemlich pessimistischen Glauben gründen und noch später unter den Namen Fihrist und Acta Archelai bekannt werden. Sein Vater war Mitglied der (früh-)christlichen Sekte der Elkesaiten.
Mani erhielt im Alter zwischen 12 und 24 Jahren zahlreiche Visionen, aufgrund derer er sich von dieser Gemeinde trennte und seine eigene Lehre verbreitet. In dieser veflocht er Elemente des Zoroatrismus, Christentums, des Judäismus, des Buddhismus und des Gnostizismus. Zunächst wurde er in seiner Heimat noch gefördert und durfte seine Religion im ganzen Land lehren. Als dagegen Bahram I den Thron bestieg war es vorbei mit dieser Toleranz und Mani wurde gefangengenommen, um 26 Tage später im Gefängnis zu sterben. Seine Anhänger stilisierten seinen Tod in Anlehnung an Jesus zu einer Art Kreuzigung.
In der Folge verbreitete sich der Manichäismus von Spanien bis nach Zentralasien und vereinzelt sogar bis nach China, von Nordafrika bis nach Flandern. Allerdings wurde er sowohl von der römischen Kirche als auch vom persischen Zoroatrismus heftig verfolgt.
Der Manichäismus hielt sich in Europa trotz heftiger Verfolgungen bis ins 5te Jahrhundert. In China ging er im 14. Jhdt unter. Unter Bögü Khan wurde er sogar Staatsreligion der Uiguren und er war in Europa zeitweise ein heftige Konkurrenz zum Christentum.
Nach seinem Untergang wurde der Begriff Manichäer als Synonym für Häretiker verwendet. In der manichäistischen Lehre bestand die Welt ursprünglich aus zwei Teilen:
Die Lichtwelt, welche friedvoll und leuchtend hell gewesen ist. Sie bestand aus reinen Gedanken und umfasste fünf Denkformen: Vernunft, Denken, Einsicht, Sinne und Überlegung.
Der Gegenpart war das Reich der Finsternis, welches aus Rauch, Feuer, Wind, Wasser und natürlich Finsternis bestand.  Dieses blies zum Angriff gegen das Reich des Lichtes. Gott aber, der sich nicht auf einen Kampf einlassen wollte sandte seinen Sohn in die Gefangenschaft durch die Finsternis. Um ihn zu retten erschafft Gott die Welt, in welcher Licht und Finsternis vermischt werden.
In die Welt sendet Gott drei Gesandte:
Der erste Gesandte ist der lebendige Geist, der der Welt das Leben einhaucht.
Der zweite Gesandte ist der Urmensch, welcher die Welt bevölkern sollte.
Der dritte Gesandte war das Urpaar Adam und Eva, deren Nachkommen Schicksal es ist, Gottes Plan umzusetzen. Sie wiederum sandten Jesus, um die Welt aufzuklären. Die Konsequenz dieses Glaubens war, daß die Welt eine Vermischung des Lichtes und der Finsternis sei und die Menschen die Aufgabe hatten, beide wieder voneinander zu trennen. Dies geschah durch Aufnahme eines Teiles der Welt in Form von Nahrung. Die Nahrung enthält Anteile des Lichtes und Anteile der Finsternis. Und da die Anteile des Lichtes aus Gedanken bestehen, konnte man sie durch Gesang und Gebet wieder zu Gott zurückbringen. Der materielle Anteil, die Finsternis, wurde wieder ausgeschieden.
Durch diesen fortwährenden Prozess werden Licht und Finsternis immer weiter getrennt bis in der Endzeit dieser Trennungsprozess fast vollendet ist. Dann wird die Welt zu einem Klumpen zusammengeschmolzen sein.
Allerdings findet hernach keine Neuentstehung statt, sondern ein Gericht, in dem der Rest von Licht und Finsternis getrennt würden und beide Gegensätze wieder rein wären. Die Geschichte hat aber ein Dilemma: Die Gläubigen werden durch ihre Berührung mit der Dunkelheit unrein, das Erlangen von Nahrung - das Töten von Lebewesen, das Pflücken von Pflanzen - beschmutzt die Seele und verletzt das göttliche Licht so sehr, daß ein Kontakt zu Gott nicht mehr möglich ist. Man ist zu "dunkel".
Daher werden Auserwählte benötigt, die rein genug sind, um den Kontakt zu Gott zu halten. Diese vermeiden die Verletzung des Lichtes, indem sie keinen Geschlechtsverkehr haben und weder Mensch, Tier noch Pflanze verletzen. Ihre Nahrung müssen die Hörer, die Anhänger, besorgen, damit sie rein bleiben.
In seiner Verdauung findet sodann die oben beschriebene Trennung von Licht und Finsternis statt. Vor allem durch einen Mann, Augustinus von Hippo, erhielt der Manichäismus großen Einfluss auf des Christentum. Augustinus war 10 Jahre lang Hörer des Manichäismus, als er sich von diesem trennte. Er begann eine Rundreise durch die Religionen und Konfessionen und wurde Anhänger des Skeptizismus und des Neoplatonismus. Schließlich landete er beim Katholizismus und wurde hier später als Kirchenvater bezeichnet. Wie groß der Einfluss tatsächlich war ist strittig, aber er konnte die Ideen des Manichäismus nie wirklich ablegen, wodurch er diese Ideen an seine Schüler weitergab.

weitere folgen - irgendwann ;)

Diese Liste wird vermutlich recht lang. Sowie ich Zeit finde, werde ich sie erweitern, Geschichten gibt es mehr als genug.
Viele sind im Dunkel der Geschichte verschwunden, andere wurden bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Aber ich gebe mir Mühe, versprochen.