System

Letzte Änderung: 16.06.2018

Das System

Um die Hexenjagd zu verstehen, muß man zunächst versuchen, die Inquisition zu verstehen.
Die Inquisition wurde geschaffen, um die Häresien mit den Mitteln der Gewalt und des Terrors zu unterdrücken. Der im 14.Jhdt in Südfrankreich wirkende Inquisitor Bernhard Gui schrieb: "Die Aufgabe der Inquisition besteht in der Ausrottung der Häresie; die Häresie jedoch kann nicht vernichtet werden, wenn nicht die Häretiker vernichtet werden. Und die Häretiker können nicht vernichtet werden, wenn nicht zusammen mit ihnen auch die vernichtet werden, die sie verbergen, mit ihnen sympatisieren, sie beschützen".
Aber was sind Häresien? Die Häresie wurde von der Kirche als bewußte Leugnung von katholischen Glaubensartikeln sowie als offene und hartnäckige Verteidigung falscher Ansichten verstanden. Selbstverständlich wurde diese Definition nach Belieben ausgelegt und erweitert. Zumal das einfache Volk normalerweise nichts von einer solchen Definition wußte und den Begriff "Häresie" einfach mit "Böse" übersetzte, ebenso wie auch die Begriffe "Sekte", "Hexe" - einfach alles, was sie nicht verstanden. Ein Verhalten, das man auch heute noch gut beobachten kann, siehe die Begriffe "Terror", "Fundamentalist", "Dschihad", etc.
Womit aber konnte die Inquisition ihre Macht ausüben, woher diese schreckliche Angst davor. Natürlich war es auch die Angst vor Verstümmelung, Hinrichtung, der Anklage und dergleichen mehr. Aber es spielten noch andere Gründe mit rein. Für den einfachen Menschen im Mittelalter war die Kirche schon eine übermächtige Maschinerie. Der Papst war eine ungreifbare, in ihren Augen allmächtige und allwissende, Macht. Und die Inquisitoren waren direkt vom Papst geschickt.

Dieses Bewußtsein muß bei einer Verhaftung den Effekt gehabt haben, daß sich der Angeklagte schon von alleine schuldig fühlte, auch wenn er nicht wußte, was er getan haben soll. Dazu noch das beeindruckende Spektakel eines Tribunals oder gar eines Autodafés...
Das System der Denunziation hat sein Übriges getan. So geschah es im Jahre 1750 dem Franzosen Francois Moyen, der eine kleine Mauleselkarawane begleitete, daß der Maultiertreiber, mit dem er sich nicht sonderlich verstand, ihn bei der Inquisition anschwärzte. Er gab an, daß der Franzose unterwegs verdächtige Gespräche geführt habe. Daß er den Esel als ein "göttliches Geschöpf" bezeichnet habe und daß er, auf den Nachthimmel blickend, erklärt habe "ein solcher Überfluß an Sternen sei kompakter Unsinn". Außerdem habe er die örtliche Geistigkeit wegen ihres Lebenswandels kritisiert.
Die Inquisitoren machten sich sogleich daran, ihm einen Prozeß zu fabrizieren: "Du hast den Maulesel ein göttliches Geschöpf genannt, d.h. Du gehörst zur Sekte der Manichäer; Du hast erklärt, der Überfluß an Sternen sei sinnlos, aber Gott hat sie erschaffen - also hast Du Gott beschuldigt, etwas Sinnloses getan zu haben, und Dich einer häretischen Gotteslästerung strafbar gemacht. Du hast das freie Leben der Geistlichkeit kritisiert? Bekenne, daß Du Anhänger der ansteckenden Sekte Wicliffs bist!" Zusätzlich dicheten sie ihm noch die Zugehörigkeit zu den "Sekten" Calvins, Jansens, Mohammeds an und damit das Maß voll werde auch noch gleich das Judentum (Nein, ich denke mir das nicht aus. So steht es in den Prozessunterlagen).

Vergebens versuchte der arme Franzose, die Richter davon zu überzeugen, daß alles nur dummes Geschwätz war und daß er ein rechtgläubiger Katholik sei und gar keine Ahnung von irgendwelchen Sekten habe. Je hartnäckiger er seine Schuld leugnete, um so erbarmungsloser folterten sie ihn.
Die Untersuchung dauerte 13 Jahre! Letzten Endes erreichten die Henker ihr Ziel: Der Franzose "gestand" alle seine Sünden ein, bereute sie und wurde zu 200 Geißelhieben und zehn Jahren Galeere verurteilt. 23 Jahre wegen einiger unbedachter Äußerungen! Wie lange er die Qual der Galeere überlebte ist nicht bekannt. Es dürfte aber nicht sehr lange gewesen sein.