Urteil

Letzte Änderung: 16.06.2018

Das Urteil

Die Kirche versucht, mit Hilfe der Bibel und diversen Schriften die Rechtmäßigkeit einer körperlichen Strafe gegen die geistigen Sünder zu beweisen. So schrieb Papst Innozenz III an den Richter der Stadt Viterbo am 25.März 1199 die Begründung für die harten weltlichen Strafen gegen die Ketzer mit den geschichtsträchtigen Worten:
"Nach zivilem Gesetz werden Majestätsverbrecher mit dem Tode bestraft und ihre Güter beschlagnahmt... Mit wieviel mehr Grund müssen die, welche den Glauben verraten und Jesus, den Sohn Gottes, beleidigen, von der christlichen Gemeinschaft abgetrennt und ihrer Güter beraubt werden; denn es ist unendlich schwerwiegender, die göttliche als die menschliche Majestät zu beleidigen."

Auf diese Worte wurde in der Folgezeit immer wieder zurückgegriffen, wenn es darum ging, die Folter und anschließende Bestrafung zu rechtfertigen.
Vor dem Urteilsspruch konnte sich keiner entziehen. Nicht einmal durch Selbstmord. So etwas wurde als Schuldgeständnis angesehen. Das dürfte den Angeklagten aber wohl nicht mehr interessieren. Trunksucht und Schwachsinn erleichterten das Urteil etwas, aber dennoch mußten diese den Anklagepunkten zustimmen. Am wenigsten Chancen auf einen Freispruch hatten jene, die "in absentia" (in Abwesenheit) oder "post mortem"(nach dem Tode) verurteilt wurden.

Das, was als Freispruch galt, hat nichts mit dem zu tun, was wir als Freispruch kennen. Denn so etwas hätte ja bedeutet, daß sich die Inquisitoren getäuscht hätten. Im günstigsten Fall hieß es, eine Schuld konnte "nicht erwiesen" werden. Das bedeutete für den Angeklagten, daß er gegen Kaution freigelassen wurde und fortan jeden Tag vor den Toren der Inquisition zu erscheinen hatte und dort "vom Frühstück bis zum Mittag und vom Mittag bis zum Abendessen" zu stehen für den Fall, daß neue Beweise gegen ihn bekannt würden und man ihn von neuem einsperren mußte. Die Kaution war natürlich auf jeden Fall weg.

Nehmen wir an, die Untersuchung sei abgeschlossen. Die Inquisition hat einen Sieg über das Opfer errungen oder aber eine Niederlage erlitten.
Im ersten Fall hatte der Angeklagte seine "Schuld" bereut und die nötigenAngaben gemacht sowie sich mit der Kirche wiederversöhnt.
Im zweiten Fall hatte der Angeklagte standhaft seine Unschuld beteuert oder aber seine Ketzerei zugegeben, sich aber geweigert, der Ketzerei abzusagen oder Reue zu zeigen. Eine in meinen Augen unvorstellbare Willensleistung, denn die Inquisitoren waren zu keinem Zeitpunkt beeindruckt sondern eher wütend. Ich weiß nicht, ob ich dazu in der Lage gewesen wäre.

Da es eine feste Gesetzgebung in der Inquisition nicht gab sondern nur eine große Zahl von Leitfäden oder Antworten der Großinquisitoren, die sich aber teilweise widersprachen, war die Freiheit der Inquisitoren im Urteilsspruch sehr groß.
Der Inquisitor hatte das Recht, die ausgesprochenen Strafen jederzeit zu mildern, zu vergrößern oder zu erneuern. Mit einer solchen Androhung endete jedes Urteil. Daher konnte der Angeklagte niemals sicher sein, daß seine Leiden tatsächlich beendet seien, denn der Inquisitor durfte ihn zu jeder Zeit erneut vor den Richterstuhl zitieren.

Die Urteile der Inquisition zeichneten sich durch besondere Härte und Grausamkeit aus.
Zu welchen Strafen wurden die Angeklagten denn verurteilt?

Hauptsächlich zu Kirchenbußen, angefangen von den "leichten" bis hin zu den "demütigenden und entehrenden" (confusibiles), dann zur gewöhnlichen und erschwerten Kerkerhaft, zu den Galeeren und schließlich zum Ausschluß aus der Kirche. Die Exkommunizierten wurden dann vom weltlichen Arm des Gerichts zum Scheiterhaufen gebracht.
Oftmals waren diese Bestrafungen von Auspeitschungen und einer Konfiskation der weltlichen Güter begleitet.
Die Synode von Narbonne von 1244 wies die Inquisitoren ausdrücklich an, daß "wenn nicht eine besondere Gnade von dem heiligen Stuhl erwirkt werden könne, der Mann nicht wegen seiner Frau, die Frau nicht wegen ihres Mannes und die Eltern nicht aus Rücksicht auf ihre hilflosen Kinder geschont werden dürften und dass weder Krankheit noch Alter einen Anspruch auf Milderung geben solle".

Das Urteil war auch auf Enkel und Kinder der Beschuldigten wirksam, indem man sie des Erbrechtes und der Bürgerrechte beraubte. Man kann sich vorstellen, welchem Zweck diese Erbschuld diente. Sie ersparte der Inquisition Scherereien wegen Erbansprüchen oder Rückgabe der konfiszierten Güter.Die gewöhnlichen Strafen - die Kirchbußen - bestanden aus Gebeten, Besuch von Kirchen, Fasten, strenge Befolgung kirchlicher Zeremonien, Pilgerfahrten zu heiligen Stätten, Opfer für wohltätige Zwecke und noch einigem mehr. Die von den Inquisitoren auferlegten Strafen unterschieden sich von den Strafen der Beichtväter durch den "Pferderkur"-Charakter. Diese Strafen wurden zu einer schweren Bürde. Die Strafen wurden oft ein und derselben Person auferlegt, die dann beten mußte (oftmals waren mehrere zig-mal dieselben Gebete am Tag unter Aufsicht von Zeugen zu leisten), Fasten bis zur Entkräftigung und Spenden sowie Pilgerfahrten und der Besuch der heiligen Stätten oder in welcher Zusammenstellung auch immer.Bei der kleinsten Nichtbefolgung dieser Kirchenbußen drohte eine erneute Verhaftung und eine Verschärfung der Strafen. Solche Strafen führten den Angeklagten und seine Familie häufig in den Ruin.Wenn schon die "leichten" Strafern so schwer waren kann man sich vielleicht vorstellen, wie "demütigende" Strafen aussahen.Zu den verschärften "leichten" Strafen mußte der Verurteilte zusätzlich Schandzeichen tragen. Dies waren zwei safranfarbene Leinwandstreifen, die in Form eines Kreuzes auf die Kleidung genäht wurden. In Spanien zog man dem Verurteilten ein gelbes ärmelloses Hemd mit roten Feuerzungen an und er mußte auf dem Kopf die Caroza, die Schandmütze, tragen.Diese Schandzeichen mußten zu Hause, auf der Straße und bei der Arbeit getragen werden und das viele Jahre lang - oft sein ganzes Leben. Daß der Verurteilte diese Schandkleidung selber zahlen mußte braucht wohl nicht erwähnt zu werden. Zu den "demonstrativen" Bestrafungen gehörte die öffentliche Geißelung. Diese sogenannte "leichte Strafe" war keineswegs leicht. Der bis zur Hüfte entblößte Sünder wurde während des Gottesdienstes vor der Gemeinde gegeißelt; die feierliche Prozession mußte er daraufhin im gleichen Aufzug begleiten, um bei jeder Station sowie am Ende öffentlich abgemahnt zu werden.Einmal im Monat, am ersten Sonntag, mußte er oder sie nach der Messe, in derselben Weise entblößt, jene Häuser besuchen, wo er "gesündigt" hatte, d.h. wo er sich angeblich mit anderen Ketzern getroffen hatte, um dort wiederum gegeißelt zu werden. Oft wurde der Verurteilte sein ganzes Leben lang solchen Prozeduren unterzogen. Die strengste Buße, die der Inquisitor einem Verurteilten auferlegen konnte, war der Murus, die Gefängnishaft. Die gab es in drei Arten:Das Strafgefängnis, wo man den Verurteilten in einer Einzelzelle mit Hand- und Fußketten gefangen hielt.Die strenge Haft, wo er in Einzelhaft mit Ketten an den Füßen gefangen gehalten wurde.Und es gab die mildere Haft, hier waren die Gefangene ohne Ketten in gemeinsamen Räumen gefangen gehalten.In allen Fällen war die einzige Verpflegung Wasser und Brot, das Lager war ein Arm voll Stroh, Kontakte mit der Außenwelt waren verboten, außer mit eifrigen Katholiken.Es kam bisweilen vor, daß der eine oder andere Gefangene wegen eines Dienstes am Inquisitor wie z.B. eines Verrates, freigelassen wurde. Damit war er aber nicht frei, sondern der Ermahnung des Inquisitors gemäß konnte er jederzeit bei einem Verdacht wieder eingekerkert und ohne jede Untersuchung hart bestraft werden. So verlief denn das Leben eines jeden ehemaligen Häftlings stets am Rande des Verderbens.Im 13ten Jhdt war eine beliebte Strafe eine zwangsweise Teilnahme an den Kreuzzügen. Man ließ aber davon ab, weil man befürchtete, die ehemaligen Ketzer würden die treuen Christen infizieren.

Autodafé und Scheiterhaufen

Solche "leichten" Strafen hatten aber nur jene zu erwarten, die Ihre Verfehlungen gestanden hatten, ihre Mitsünder verrieten und sich daraufhin mit der Kirche wieder versöhnt hatten.

Eine weit härtere Strafe erwartete den Ketzer, der in seinen Fehlern beharrte, der sich weigerte, seine Sünden zu bekennen und auch der "rückfällige" Ketzer, also jener, der von neuem der Häresie oder gar der Hexerei verfiel - oder die gegen das Schweigegelübte verstießen - und auch den "in absentia" Verurteilten, der später der Kirche in die Hände fiel. Sie alle stieß die Inquisition im Namen und Auftrag des Papstes aus der Kirche und "entließ sie in die Freiheit". Diese auf den ersten Blick harmlose offizielle Formel barg nichts anderes als das Todesurteil. Sie bedeutete, daß die Kirche sich weigerte, weiter für sein Seelenheil zu sorgen. Diese Ansage zog nicht nur den Feuertod nach sich sondern nach damaliger christlicher Auffassung auch ewige Qualen im Höllenfeuer.

Die Inquisitoren waren der Ansicht, daß eine derart schmutzige Arbeit nicht sie verrichten dürften und so übernahm die weltliche Macht neben der Durchführung der Folter auch die Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen. Hinter dieser Praxis mag man vermuten was man will. Vermutlich wollte die Kirche den Anschein erwecken, daß sie niemanden quäle sondern nur auf das Wohl der Menschen bedacht sei. Schliesslich seien es ja die weltlichen Machthaber, welche die Opfer quälten und mordeten.
Bei einigen Verurteilten "bat" der Inquisitor den Henker, Barmherzigkeit walten zu lassen. In einem solchen Fall wurde der Verurteilte vor der Verbrennung erdrosselt oder ihm ein Pulverkragen um den Hals gelegt, um seine Leiden im Feuer zu verkürzen.

Um die Hinrichtung selber hatte sich im Laufe der Zeit ein regelrechtes Ritual entwickelt, an das sich die Inquisition im Allgemeinen hielt.
Die Hinrichtung wurde auf einen Feiertag gelegt oder einen Festtag des regionalen Herrscherhauses. Etwa eine Hochzeit oder eine Taufe.
Eine solche Feierlichkeit gab es nicht nur einmal sondern mehrmals im Jahr. Schon einen Monat im voraus kündigten die örtlichen Geistlichen das Schauspiel an und forderten die Gläubigen auf, daran teilzunehmen. Ihnen wurde ein Ablaß von vierzig Tagen versprochen.

Durch Ablehnung einer solchen Einladung oder Sympatiebekundungen konnte man leicht selber in den Verdacht der Häresie geraten.
Auf einem zentralen Platz in der Stadt wurde ein Autodafé abgehalten. Der Platz war feierlich mit Girlanden und Fahnen geschmückt, die Balkone mit Teppich ausgelegt. Auf dem Platz wurde ein Schaugerüst errichtet, darauf kam ein Altar unter einem rotem Baldachin, Logen für den König bzw den örtlichen Souverän wurden bereitgestellt, dazu Plätze für die anderen Ehrenträger. Auch die Anwesenheit von Kindern und Frauen wurde begrüßt.
Da sich solch ein Autodafé oft den ganzen Tag hinzog wurden in der Nähe des Podiums öffentliche Toiletten errichtet.

Am Vorabend zog eine Prozession durch die Straßen. Darin lief das Personal der örtlichen Inquisition mit ihren Helfern und Informanten, welche ihr Gesicht durch weiße Kapuzen und lange Kittel vor den Menschen verbargen. Zwei grüne Standarten der Inquisition wurden getragen, eine davon wurde in der Nähe der Tribüne aufgebaut, die andere in der Nähe des sog. "Kohlebeckens", des Richtplatzes.

Bei Tagesanbruch wurden die Gläubigen gerufen und die Angeklagten aus dem Gefängnis geholt. Meistens wußten sie noch nichts über ihr Schicksal, die Art und den Grad der ihnen bevorstehenden Qualen. Erst auf dem Autodafé wurden die Strafen verlesen.
Sie wurden geschoren, rasiert, in weiße Wäsche gekleidet, man gab ihnen ein reichliches Frühstück und manchmal sogar ein Glas Wein. Man warf ihnen einen Strick um den Hals und steckte in die gefesselten Hände eine grüne Kerze.
So wurden sie zu der Kathedrale geführt, hartnäckige Ketzer setzte man rücklings auf einen Esel und band sie an die Tiere an.

Von der Kathedrale aus startete eine Prozession mit den selben Teilnehmern  wie Tags zuvor. Diesmal trugen sie die Standarten in schwarz gehüllt zum Zeichen der Trauer. Die Informanten trugen die Sanbenitos - die Schmachgewänder - für die Verurteilten und die Puppen, welche die Verstorbenen oder geflohenen Ketzer bzw die, deren man nicht habhaft werden konnte, darstellten. So wurden die Unglücklichen zum Autodafé geführt, begleitet von den Schimpfkanonaden der Anwesenden und den Aufforderungen zur Buße. Es war allerdings verboten, die Ketzer mit Gegenständen zu bewerfen, da oftmals die Begleitungen getroffen wurden.
Auf dem Platz des Autodafés wurde, sobald sie ankamen, eine Trauermesse gehalten sowie die folgende Predigt des Großinquisitors. Daraufhin folgte die Urteilsverkündung. Die Urteile wurden lateinisch verlesen, so daß die meisten Verurteilten ihren Sinn überhaupt nicht verstanden. Sie waren umständlich, begannen mit Zitaten aus der Bibel und von Kirchenvätern und wurden langsam verlesen. Wenn es viele Urteile zu verlesen gab vergingen oft Stunden, bis die ganze Prozedur abgeschlossen war.

Dann fand das Autodafé seine Krönung in der Exekution. Die Verurteilten erhielten ihre Schandkleidung, wurden zur Haft geführt oder entblößt und gegeißelt. Die zum Feuertod verurteilten wurden von den Mönchen und Wächtern zum Scheiterhaufen geführt.
Auf dem Richtplatz war am Vorabend das Schafott mit dem Pfahl in der Mitte errichtet worden. Holz und Reisig waren herangeschleppt und um das Schafott herum gelegt. Auf dem Weg zum Schafott versuchte man noch bis zuletzt, den Verurteilten zum Abschwören zu bewegen. Dadurch hätte er die Gnade erhalten, in dem Strohverschlag neben dem Schafott erdrosselt zu werden oder die Kehle durchschnitten zu bekommen, damit er sich nicht im Feuer quälte.

Besonders geachtete Bürger erhielten das Recht, Reisig in das Feuer zu werfen,was als vorbildliches christlichen Handelns angesehen wurde.
Als das Feuer dann anfing zu brennen starben die meisten Verurteilten nichtan der Flamme an sich sondern an Sauerstoffmangel und Rauchvergiftung. Wenn die Inquisitoren es besonders grausam mit einem Verurteilten meinten, dann konnten sie auch die "langsame Flamme" befehlen. Das bedeutete, dass für den Scheiterhaufen besonders trockenes Holz benutzt wurde, das weniger raucht und das Feuer so niedrig gehalten wurde, daß der Verurteilte grad noch genug Sauerstoff zum Atmen hatte. Man kann sich wohl kaum etwas grausameres vorstellen.