Hinduismus

Letzte Änderung: 11.07.2018

Schöpfung

Am Anfang war das Wasser. Bevor Mensch, Schöpfung und Götter existierten, war das alles bedeckende Urmeer. Aus dem Nichts warf ein gewaltiger Orkan diesen Ozean zu gewaltigen Wellenbergen auf und die Wellen wurden, so wie Rahm auf der Milch eindickt, zu Erde, zu den gewaltigen Götterbergen, die am Nabel der neuen Welt heranwuchsen.
Dieser alte tibetische Schöpfungsmythos zeigt, dass nicht nur die Naturwissenschaft darüber nachdenkt , wie der Himalaya entstanden sein mag. Auch deren Bewohner haben darüber seit Jahrtausenden spekuliert, das Wissen darüber ist heute noch lebendig. Diese Art von Erdgeschichte war keineswegs unbeliebt, denn eine Vielzahl von Schöpfungsmythen zeugen von einer lebendigen Auseinandersetzung mit diesem Thema.
Padmakapo, ein tibetischer Historiker des 16. Jh., berichtet: "Man liest im Manjushri-Mulatantra, dass hundert Jahre nach dem Tode (Buddhas) sich die Seen im Lande des Schnees (Tibet) verkleinert hatten und ein Wald von Sal-Bäumen heranwuchs. Gemäss der Vorhersage, war dies das Ende der Austrocknung des grossen Sees, der einst das ganze Land des Schnees bedeckt hatte." (1) In den "Blauen Annalen", einem wichtigen tibetischen Blockdruck aus dem Jahre 1478, wird der berühmte indische Weise Phadampa erwähnt. Er pilgerte im Laufe seines mehr als hundertjährigen Lebens mehrmals nach Tibet und starb 1117.
Phadampa erzählt in den Analen, dass er Tibet auf Grund von sieben Wiedergeburten gut kenne - beim ersten Besuch wäre das Land noch zur Gänze von Wasser bedeckt gewesen, bei seinen weiteren Besuchen hätte sich das Wasser immer weiter zurückgezogen bis nur noch die zwei grossen Seen Nam Tso, der Himmelssee im Norden und der Yamdrok Tso im Süden vom grossen Meer übriggeblieben seien. Vergleicht man die Mythen mit den modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, gibt es erstaunliche Übereinstimmungen. Tatsächlich war vor Millionen von Jahren der Himalaya ein riesiger Meeresboden, bedeckt vom Tethys-Meer.
Erst später entstand durch die schiebende Wirkung der Kontinentaldrift aus den Urkontinenten »Gondwana«, zu dem der indische Subkontinent gehörte und »Laurasien« mit dem zugehörigen Eurasien, Himalaya als Gebirgserhebung. So fanden in der mythologischen Tradition der Himalaya-Bewohner die Reste dieses Entstehungprozesses, die Berge und Seen, in verschiedenen Variationen Eingang in die Mythenwelt.

Gott Vishnu in seiner ersten Inkarnation als Fisch

Auch der pan-globale Sintflutmythos (es gibt ca. 600 dieser Legenden) findet hier seinen Niederschlag. Der Urahn der Menschheit heisst in Sanskrit Manu, der Denkende und ist somit quasi der indische Noah. Manu war der erste Mensch und Stammvater in der hinduistischen Mythologie. Einst rettete er den Fisch Matsya (Vishnus erste Reinkarnation) vor dem gefressen werden. Der Fisch wurde in Manus Heim immer größer. Als der Fisch zu groß war, bat er Manu, ihn ins Meer zu bringen. Bevor Matsya im Meer abtauchte warnte er Manu vor einer bevorstehenden Flut. So baute Manu ein sicheres Schiff und nahm neben allerlei Tieren und Samen auch heilige Bücher und sieben Rishis an Bord. Mit dem Steigen der Flut befestigte Manu die Arche am Horn des Fisches, der sie zu den hohen Bergen des Himalaya leitete.

Wurde der Landungsort im frühen Satapatha-Brahmana (ca. 800 v. Chr.) noch unbestimmt mit der "nördliche" Berg beschrieben, wird er im Mahabharata (ca. 400 v. Chr.- 400 n. Chr.) aber bereits zum Gipfel des Himalaya: "Im stattlichen Schiff entlang des Ozeans trug es den Herrn der Menschen durch transzendente, rotierende Wellen in stürmischen Wassern. Nur Manu und die sieben Weisen überlebten im Schiff, das der Fisch endlich zu einem sich aus den Wellen erhebenden Gipfel des Himavan zog. Er sprach zu Manu: Jetzt befestige dein Schiff an dieser hohen Felsenspitze und erkenne mich als Brahma, den Schöpfergott,...".(1)
Der Himalaya gilt auch, neben dem Kailash, als irdisches Abbild des Weltenberges Meru, auf dessen Spitze der Schöpfergott Brahma thront, und auf dem Indra und die anderen Götter der himmlischen Sphären ihren Wohnsitz haben. Nach den Vorstellungen der Hindus befindet sich auf den Himalaya-Gipfeln Brahmaloka, Loka (skr.) Ebene, Welt, und Devaloka. Brahmaloka ist nach ihrem Glauben die Stätte des ewigen Ursprungs und Friedens, Devaloka das Götterland der Devas.

Als Gottheit Himavat betrachten die Hindus den ganzen Himalaya. Er ist somit die Personifikation des Himachala oder Himadri, wie der Himalaya in alten hinduistischen Quellen genannt wird. Himavat lebt mit seiner Gemahlin, der Göttin Menaka, umgeben von himmlischen Wesen auf den Gipfeln der Berge in seinem Palast. So wie die hohen Berge für das höchste mögliche im Irdischen stehen, repräsentiert Himavat die höchsten Höhen des Überirdischen, des Seins.

Shiva, die Göttin Ganga und der Weise Bhagiratha

Seine Tochter ist Ganga, die Göttin des Ganges, des heiligsten Flusses in Indien. Im Ramayana wird ihre Herkunft auf die Erde erzählt: der halbgöttliche Weise Bhagiratha meditierte zu einer Zeit, als die Erde trocken und unbewohnbar war, rund tausend Jahre lang. Der asketische Shiva sah dies und gewährte dem Weisen einen Wunsch. Der erbat sich die Niederkunft der Göttin Ganga, damit sie der Erde mit ihrem Wasser Fruchtbarkeit schenke.
Ganga erwiderte aber, dass dies unmöglich sei, da sie wegen ihrer großen Macht die Erde in ihren Grundfesten zerstören würde. Daraufhin bot Shiva an, die Göttin auf seinem Kopf zur Erde zu lassen, und so die Macht aufzufangen. Seit diesem Tag gibt es den Ganges auf der Erde, und die Gangesquelle ist wegen Shivas Macht heilig.

Parvati oder Uma Haimavati

Eine andere Tochter Himavats, Uma Haimavati oder Parvati bzw. Devi , wurde zur Gattin Shivas, der weiblichen Kraft (Shakti), beide unzertrennlich miteinander verbunden. In unzähligen Manifestationen ist sie die grosse Göttin Maha Devi. Beide Wörter kommen aus dem Sanskrit, Maha bedeutet "groß", Devi steht für Göttin. Maha Devi wird auch als Parvati, Bergbewohnerin, oder Giri-Ja, Berg-Geborene bezeichnet, eine andere Erscheinungsform ist die zornvolle Kali. Beide thronen auf dem Kailash und anderen bedeutenden Himalayagipfeln. Ihrer Abstammung nach aber ist sie Haimavati, die Tochter des Himalaya.
Auch Shiva wird mit dem Himalaya identifiziert, wobei die in Ost-West Richtung verlaufenden Gebirgszüge seine Stirn und die nach Süden gerichteten Ketten die Locken darstellen.
In der vedischen Literatur, der Veda, der ältesten Indiens, wird der Himalaya mit dem Namen Devabhuni, das Land der Götter bezeichnet und das Quellgebiet der Ganga Devatatna, Heim der Götter. Der im 5. Jh. am Hof der Gupta-Könige lebende Dichter und Dramatiker Kalidasa , nannte den Himalaya in seinem Werk Kumarasambhava, "Seele der Götter" , "Die Achse der Welt" oder "eine Verkörperung des Göttlichen, würdig der Anbetung" und pries den Himalaya mit den Worten: "Aus den Tiefen der Erde erhebst Du Dich, oh Himalaya. Die Erhabenheit Deiner Gipfel gleicht der Deines Geistes." In noch älteren Aufzeichnungen bezeichneten Dichter den Himalaya ebenso poetisch als "Das Antlitz des Schöpfers" oder "Arm Gottes"