Thailand

Letzte Änderung: 11.07.2018

Animismus oder Geisterglaube ist in Thailand seit den vor-buddhistischen Zeiten bis heute weit verbreitet. Es gibt eine Vielzahl von unterschiedlichen Geistern zu berücksichtigen. Damit ihre Zahl nicht noch weiter steigt, müssen alle Verstorbenen eingeäschert und nicht begraben werden. Beim Einäschern verlässt die Seele den Körper und wartet auf ihre nächste Reinkarnation. Bei der Beerdigung dagegen bleibt die Seele als Geist auf der Erde und wird danach trachten,  jedermann zu schädigen.
Thai haben vor Geistern - den phi - wirklich Angst. Man macht darüber auch keine Witze, andernfalls könnten sie kommen! Geister sind überall in Thailand. Am auffälligsten sind die Geisterhäuser san phra phum, die man praktisch in oder an jedem Haus findet. Je größer das Haus, um so größer ist auch das Geisterhaus. Für die Herstellung der Geisterhäuser haben sich eigene kleine Fabriken etabliert.

Die Installation eines Geisterhauses ist deshalb Pflicht, weil beim Bau des Hauses die hier lebenden Geister verjagt wurden. Das Geisterhaus ist also ein als Ersatz angebotenes Heim für sie und soll sie besänftigen.
Die darin lebenden Geister werden täglich vom Hauseigentümer mit Speisen versorgt. Außerdem ist es üblich, ihnen kleine Figuren zu opfern, die Bedienstete, Tänzer, Elefanten und Autos repräsentieren und dem Geist ein angenehmes Leben ermöglichen.
Im berühmten Wat in der Nähe der Sukhumvit 101 in Bangkok wohnt der schreckliche Geist phi phra kanong oder mae naak, ein Geist, den die Leute schon seit langer Zeit fürchten. Seine Geschichte geht auf das 19. Jahrhundert zurück, als Bangkok noch das "Venedig des fernen Ostens" genannt wurde.
In dieser Zeit heiratete eine Frau namens mae naak einen Soldaten. Einige Zeit später, als mae naak bereits schwanger war, musste ihr Gatte in die Ferne reisen. Während seiner Abwesenheit verstarb sie, immer noch das Ungeborene tragend. Nach altem Thai-Glauben wird aus einer verstorbenen schwangeren Frau ein besonders starker Geist. Sie begann, die Nachbarschaft zu ängstigen, indem sie einige Menschen tötete und deren Blut trank. So erreichte sie, dass jedermann Angst vor ihr hatte. Aber sie liebte ihren Gatten nach wie vor sehr innig.

Der Ehemann wusste nichts von den Vorfällen, und als er zurückkehrte, erwartete sie ihn tatsächlich. Die Leute warnten ihn zwar, dass seine Frau verstorben sei und er nun mit einem Geist lebte, aber er glaubte ihnen nicht.
Eines Tages, als mae naak gerade das Essen richtete und ihr Mann unterdessen ein Bad nahm, fiel ihr eine Zitrone aus der Hand. Weil das Haus auf Thai-Art auf Pfählen gebaut war, fiel die Zitrone ungefähr zwei Meter tiefer als der häusliche Fußboden. Um sie aufzuheben machte mae naak, der Geist, sich deshalb einen sehr langen Arm. Das aber sah ihr Mann und realisierte endlich die Tatsache, dass er mit einem Geist zusammen lebte. Deshalb bereitete er sich auf seine Flucht vor,
Mit Hilfe eines Mönches gelang es, den Geist von mae naak in einer Flasche zu fangen und diese im Fluss wegtreiben zu lassen. Der Mönch hatte die Flasche in ein Tuch gepackt, dessen Aufschrift in Pali dem Geist verbot, die Flasche zu verlassen. Aber damit ist die Geschichte nicht zu Ende: zwei Fischer fanden die Flasche, öffneten sie und befreiten damit den Geist.
Inzwischen hatte der Ehemann sich eine neue Frau gesucht. Der Geist von mae naak jedoch machte sich daran, sie zu finden, und tötete sie.
Erst als mae naak prophezeit wurde, dass sie in einem späteren Leben wieder mit ihrem Ehemann zusammen sein würde, beendete sie das Morden.

Thai glauben auch heute noch an diese Geschichte. Sie sprechen jedoch nicht über Geister, weil sie Angst haben, von ihnen sonst des Nachts im Traum heimgesucht zu werden.
Im besagten Wat in Bangkok ist das Grab der mae naak. Im Inneren gibt es eine mit Blattgold geschmückte Statue von ihr. Heutzutage ist der Tempel sehr populär und gut besucht, weil man sicher ist, dass der Geist von mae naak beim Lotteriespiel hilft, indem er die besten Zahlen verrät. Entsprechend überladen ist auch sein Gabentisch mit Spenden von Blumen, Spielzeug, und Kinderkleidung.
Mae heißt "Mutter", aber weil die Geschichte jetzt schon aus dem vorletzten Jahrhundert stammt, geht man dazu über, sie statt dessen als ya naak zu bezeichnen, d. h. "Großmutter".

Phi Ton mai

Der Phi Ton mai ist der Geist, der im Baum wohnt. Überall in Thailand findet man Bäume, die mit bunten Tüchern umwickelt sind. Daran erkennt man, dass ein Geist im Inneren haust. Selbstverständlich wird ein derartiger Baum nicht gefällt ohne vorher den Geist zu warnen, damit er Gelegenheit hat, sich einen anderen Baum zu suchen. Oft ist ein bestimmter Geist mit einer bestimmten Baumart assoziiert, wie beispielsweise der Bananenbaum-Geist.
Die Geister mo phi sind die Geisterdoktoren. Es gibt eine ganze Reihe von ihnen. Sie können helfen, andere Geister los zu werden. Dabei können mo phi ganz normale Menschen sein, die das palang chit (die Kraft des Geistes) haben, oder Mönche. Die Mönchshierarchie allerdings sieht diese Mönche nicht gerne, sollen doch Buddhisten sich nicht allzu sehr mit Animismus beschäftigen.
Die größte Konzentration von mo phi findet sich im September eines jeden Jahres in Phuket und im übrigen Süden Thailands zum "Vegetarischen Festival". Viele Männer durchbohren ihren Körper dabei mit scharfen Objekten oder gehen auf glühenden Kohlen. Sie spüren keinen Schmerz und demonstrieren damit die Stärke des ihnen innewohnenden Geistes.
Große Statuen von Yak genannten Riesen findet man in Tempeln. Sie sollen Geister abschrecken und die Buddha-Statuen vor deren Einfluss schützen. Nur in Bangkoks berühmtem Tempel wat phra kaew steht der Yak mit dem Gesicht zum Tempel hin, sonst allgemein mit dem Rücken zum Wat.

Yak

Diese Geister wurden erstmals in dem Buch "khun paen and khun chang" erwähnt. Es ist ein wenig grausam, einen solchen kuman thong an sich zu binden: Man braucht einen toten Fötus, verbrennt ihn, um die Masse zu verkleinern, in die dann mit Hilfe von düsteren Zauberformeln die magischen Kräfte hineinbeschworen werden. Dann aber hilft der kuman thong seinem Eigentümer, indem er ihn vor drohenden Gefahren warnt und ihm bei ihrer Bewältigung hilft. Dafür muss er wie andere Geister auch von seinem Besitzer gefüttert und beschützt werden. Geschieht das nicht, verliert der Geist seine Energie.
Glücklicherweise werden die meisten kuman thong jedoch nicht wirklich aus Föten sondern mit Hilfe einer kleinen hölzernen Statue, die ein Kind mit Haarzopf darstellt, gebildet. Vor Jahren soll ein der schwarzen Magie verfallener Mönch jedoch tatsächlich einen menschlichen Fötus dafür verwendet haben. Er wurde jedoch dafür vom Kloster ausgestoßen.
Kuman Thong Das sind sowohl mächtige als auch beängstigende Geister. Wenn sie dich besetzen, fressen sie dein Innerstes auf! Eine Möglichkeit, einen phi pop wieder los zu werden, ist die Beauftragung eines Tanz-mo phi, der den phi pop mit einer speziellen Tanzform vertreiben kann. Dadurch, dass der Geist den Tänzer beobachtet, gerät er in einen Trudel und wird dadurch aus dem Körper geschleudert.
Die Herkunft des phi pop geht auf eine alte Legende zurück, nach der ein in die Magie vernarrter Prinz einen Weg fand, sich in das Innere eines lebenden Körpers zu begeben und die Kontrolle über ihn zu übernehmen. Ein Diener beobachtete ihn dabei, wie er, magische Worte sprechend, in den Körper eines Tieres eindrang. Er wiederholte die Worte und begab sich in den Körper des Prinzen - und wurde so praktisch zum Prinzen. Der wahre Prinz jedoch begab sich in einen Vogel, der der Frau des Dieners die Wahrheit zuflüsterte. Diese zerstörte deshalb den Körper des Dieners und forderte den falschen Prinzen auf, den Körper eines Tieres zu betreten. Daraufhin konnte der echte Prinz seinen eigenen Körper wieder erlangen, der Diener jedoch hatte keinen eigenen mehr. Seit dieser Zeit wechselt er andauernd in andere Körper und frisst sie von innen her auf.

Nang Kwap

Der nang kwap ist ein Geist, dem man unterstellt, dass er eine Menge Geld ins Haus holen kann. Seine Statue stellt eine Frau in traditioneller siamesischer Kleidung dar, knieend, mit der rechten Hand erhoben, mit einer Geste der Hand, die "Geld holen" darstellen soll. Thai haben diese Statue gern in ihren Häusern, besonders aber, wenn sie sie während einer Tempelzeremonie von einem Mönch bekommen haben: seiner Berührung verdankt sie den höheren Wert.

Thai-Männer glauben an die Kraft von Tätowierungen. In alten Zeiten schützten diese die Haut vor scharfen Klingen, so dass die einzige Möglichkeit, sich seines Feindes zu entledigen, darin bestand, mit kräftigen Schlägen die hinter der (geschützten) Haut liegenden Organe zu zu traktieren.
An speziellen Schulen wird das Wahrsagen in allen Aspekten gelehrt.
Das Segnen von gefährdeten Objekten soll diese vor allem möglichen Unbill beschützen. Dazu gehört z. B. das sat nam, bei dem geheiligtes Wasser auf den Fußboden gesprenkelt wird. Damit werden die Toten geehrt und ihre Geister gestärkt. Immer, wenn Thai für die toten Verwandten beten oder in deren Namen den Mönchen Speise-Opfer bringen, gewinnen die Toten an Stärke und helfen, die Zeit bis zur nächsten Wiedergeburt zu verkürzen.