Staune

Letzte Änderung: 11.07.2018

Staune ...

Staune klingt simpel und ist es auch:
Die Welt ist wundervoll. Und das meine ich im Wortsinn Wunder-voll.
Leider vergessen wir das immer wieder mal und müssen manchmal daran erinnert werden (oder uns selber dran erinnern). So viele Kleinigkeiten um uns herum sind so wundervoll und erscheinen uns so selbstverständlich, dass wir sie kaum noch wahrnehmen. Unsere Wissenschaft erklärt uns viel und lässt uns nach der Erklärung mit noch größerem Staunen zurück. Vor langer Jahren war sich (fast) jeder Mensch in Mitteleuropa sicher, dass die Erde eine Scheibe von ungefähr dem Durchmesser Europas ist. Sonne und Planeten drehten sich um diese Scheibe und Gott hat alles vor etwa 6000 Jahren gemacht.
Das hat die Menschen schwer beeindruckt und sie haben gestaunt, wie das alles funktionieren kann.

Heute wissen wir viel mehr:
Die Erde ist eine Kugel, deren Oberfläche etwa 50mal größer ist als Europa. Diese Oberfläche bewegt sich und die Kontinente verschieben sich etwa so schnell, wie ein Fingernagel wächst.
Sie ist älter als 6000 Jahre, sehr viel älter. Etwa eine Million mal älter: 4,6 Milliarden Jahre, unvorstellbar.
Auf der Erde leben Tiere, von denen wir nur die Großen sehen. Von der Masse her gerechnet machen diese großen Tiere (von Insekten aufwärts) aber nur etwa 20% der Tierwelt aus. Die große Masse sind Mikroorganismen, die wir normalerweise gar nicht sehen.
Aber unsere Existenz hängt von diesen Tierchen ab, denn sie sorgen dafür, dass wir unsere Nahrung überhaupt aufnehmen können, ja dass es diese Nahrung überhaupt gibt.
Außerdem sind wir selbst eigentlich nichts anderes als sie, denn vor ca 2 Mrd Jahren haben einige Einzeller mit Teamwork angefangen. Sie haben sich zu mehrzelligen Organismen zusammengeballt, woraus viel später unter anderem der Mensch geworden ist. Im Prinzip sind wir nur riesige Ansammlungen von Einzellern, die Arbeitsteilung betreiben. Und deswegen können wir denken - die meisten jedenfalls ;)

Mir ist klar, dass Du das alles selbst weisst.
Aber wie oft denkt man darüber nach?!
Und so ist es bei allem auf der Welt: wenn man erstmal meint, es verstanden zu haben denkt man nicht mehr drüber nach - was schade ist.
Denn eines der schönsten Gefühle ist für mich das Staunen: Wow, ich habe fünf Finger und kann sie alle unabhängig voneinander bewegen, toll ... und hey, ich brauche zum größten Teil nicht mal auf die Tastatur zu schauen und meine Finger trefen wie von allein die richtigen Tasten ... 

... über die Welt

Aus diesem Gedanken habe ich eine Erkenntnis abgeleitet: Staune über die Welt, nur so kannst Du ihr Gesicht erkennen.

Etwas, das ich gerne mache und Dir auch ans Herz legen will ist eine sehr einfache Übung. Nämlich spazieren gehen.
Dazu lasse ich erstmal rituell alles an Gedanken und Sorgen zu Hause. Wie Du das machst musst Du selbst wissen. Ich mache es durch ein kurzes gedankliches Ritual, womit ich die Sorgen quasi abstreife wie eine alte Haut.
Dann verlässt Du Dein Haus/Deine Wohnung und gehst in aller Ruhe durch die Gegend.
Langsame Schritte tragen Dich durch die Welt und Du schaust Dich in der Gegend um. Nicht suchend, aber neugierig. Und Du achtest auf das Erste, was Dir ins Auge fällt. Es kann durchaus alltäglich sein, es soll sogar alltäglich sein. Einen abgebrochenen Ast, ein Blatt, ein Grashalm, ganz egal.
Das Ding nimmst Du in die Hand und gehst langsam weiter. Angenommen Du hast einen Zweig gefunden, so schaust Du ihn Dir an. Erstmal im Ganzen, Du nimmst den Zweig quasi in Dir auf; verfolgst die Biegungen und Knicks. Betrachtest und fühlst die Rinde; spürst, wie biegsam er ist. Dann kramst Du Dein Wissen aus der Schule heraus und denkst über den inneren Aufbau des Zweiges nach. Wie er funktioniert hat, als er noch Teil des Baumes war.
Wie die Flüssigkeit durch seine Fasern lief, wie an seinen Knoten Blätter entstanden und im Herbst zu Boden fielen. Wie sich die Poren schlossen, wenn es kalt wurde.
Du denkst über den Zellaufbau nach und darüber, wie viele Zellen wohl in diesem Zweig sind. Und so machst Du weiter, vielleicht kannst Du auch drüber nachdenken, ob dieser Zweig etwas empfunden hat und ob der Baum Schmerzen hatte, als der Zweig abfiel. Du kannst auch drüber nachdenken, was der Begriff Schmerzen für einen Baum bedeuten mag.
So machst Du Dir Deine Gedanken zu diesem einen Zweig oder was auch immer Du gefunden hast. Am besten machst Du dies so lange, wie der ganze Spaziergang dauert. Es geht nicht darum, über so viele Dinge wie möglich nachzudenken sondern darum, seine Gedanken so weit wie möglich treiben zu lassen. So weit, bis Du am Ende sagen kannst, dass Du über alles nachgedacht hast, was Du mit diesem Zweig in Verbindung bringen kannst.

Je weiter Dich Deine Gedanken tragen, desto besser. Denke nie, dass dieser Gedanke zu weit her geholt ist. Und vor allem: Bringe Dich durch diese Gedanken selber zum Staunen.

... über Dein Fachwissen

Eigentlich noch besser funktioniert dieses kleine Ritual, wenn Du es im Bereich Deines Fachwissens machst.
Schlicht und einfach, weil man darüber mehr weiß.

Ein Beispiel: Ich bin von Beruf Informatiker und Programmierer. Das ist optimal, denn kaum etwas ist heute so selbstverständlich und gleichzeitig unverständlich wie ein Computer.
Wenn ich mal wieder staunen will, dann denke ich drüber nach, dass auf einem Prozessor Milliarden von Bauteilen untergebracht sind auf einer Fläche, kleiner als ein Daumennagel. Jeder einzelne dieser Transistoren schaltet tausend- oder millionenfach pro Sekunde an oder aus. Die Leitungen sind so dünn, dass ein Haar dagegen wie ein Baum aussieht.
Und doch funktioniert es - meistens ;)

Anderes Beispiel: Auf einer Festplatte sind Gigabyte an Daten gespeichert, klar. Aber was heißt das überhaupt? Man kann es sich vorstellen, als sei eine Festplatte nichts anderes als eine Sammlung winzig kleiner Magnete. Diese Magnete werden ausgerichtet, je nachdem, ob sie eine 0 oder eine 1 enthalten sollen. Damit ist jeder Magnet (und noch ein paar außenrum) ein Bit. Um einen einzigen Byte, also ein Schriftzeichen zu speichern braucht man 8 solcher Magnete. Für einen Kilobyte benötigt man 8192 solche Magnete und für einen Mbyte wiederum das 1024fache davon. Und ein Megabyte ist heute ja nichtmal mehr viel. Ein Gigabyte wäre nochmal davon das 1024fache, der nächste Schritt wäre ein Terabyte, wieder das 1024fache. Ein Festplatte mit 500GB enthält also 8*1024*1024*1024*512 = 4.398.046.511.104, über 4 Billionen Magnete. Wenn wir uns die Magnete so groß wie einen Sandkorn vorstellen, so würden sich diese 500GB eine Fläche von 100m² einnehmen. Das ist immerhin die Fläche von Paris.
Kannst Du Dir das vorstellen? Ich nicht. Und wie wäre es, wenn man sich vorstellt, auf der Ebene der kleinen Magnete zu stehen und über diese Fläche der Magnete zu schauen, wie großartig wäre das? Und wie selbstverständlich gleichzeitig für uns.

Und nun schau Dir die Welt an, wie groß und unverständlich sie ist. Und wie selbstverständlich wir doch mit Ihr umgehen.

So, wie ich diesen Ausflug in mein Fachgebiet gemacht habe kannst Du einen in Dein Fachgebiet machen. Was auch immer es ist, es muss nicht Dein Beruf sein, nur Dein besonderes Interessensgebiet. Und dann fang an, zu staunen.

Du bist vielleicht Friseurin und beschäftigst Dich wegen der Färbungen und so viel mit Chemie? Dann denk über den Färbeprozess nach, was dabei im Haar passiert oder wie die Molekülverbindungen aufbrechen und wieder zusammengefügt werden beim Machen einer Dauerwelle.
Du hältst leidenschaftlich Deinen Haushalt in Schuss? Dann staune darüber, welche Fortschritte wir seit der Antike gemacht haben und welche Rückschritte. Darüber, dass es die Menschen überhaupt noch gibt, trotz Pest und Cholera. Und darüber, dass viele Menschen heute mit dem Problem kämpfen, dass Ihr Körper in unserer sauberen Umgebung angefangen hat, sich gegen Ungefährliches wie Pollen zu wehren.
Du fährst gerne Auto? Dann staune darüber, was beim Fahren passiert. Was passiert, wenn Du bremst, wo bleibt die kinetische Energie? Und wie kann die Bremsscheibe so viel Energie aufnehmen? Was macht das Automatikgetriebe und mit welcher Präzision und Geschwindigkeit (oder warum braucht das Automatikgetriebe immer so verdammt lange, um zu schalten).
Du bist gerne im Garten oder Wald? Dann staune über die Zusammenhänge zwischen Mikro- und Makrokosmos. Darüber, wie gefallene Bäume vergehen, weil sie von winzigen Wesen zerteilt werden.
Du beschäftigst Dich mit Medizin und dem Aufbau unseres Körpers? Dann staune darüber, wie wir uns all die vielen Dinge ünerhaupt merken können und woher Du all das weisst. Wie kann so viel Wissen in unserem Gehirn gespeichert werden und was bedeutet das Wort Wissen überhaupt?
Es gibt unendlich viel in dieser Welt zu entdecken.

Aber was soll das?
Ganz einfach: Es ist wichtig, dass wir unseren Geist frei haben für das Nicht-Selbstverständliche. Und deswegen müssen wir uns auch im Klaren sein, dass nichts selbstverständlich ist.
Wenn Du dieses Bewusstsein geschärft hast wirst Du auch vieles in der Welt entdecken, was sonst so an Dir vorbei gegangen wäre.
Ist finde es lohnenswert und empfehle diesen staunenden Umgang mit der Welt jedem.