Antikythera

Letzte Änderung: 13.07.2018

Der Fund

Wir schreiben das Jahr 1900.
Auf einem griechischen Schwammtaucher-Kutter herrscht schlechte Laune, denn es ist Ostern und die Matrosen wollen lieber bei ihren Familien zu Hause sein. Doch der alte Kahn sah sich einem Sturm gegenüber, den er möglicherweise nicht mehr überstehen würde. Also steuerte der Kapitän die Insel Antykythera an, wo er auf einen ruhigen Hafen hoffte.
Dort angekommen, tobte auf der See ein heftiger Sturm, der Hafen jedoch war tatsächlich ruhig. Allerdings war an eine Heimfahrt erstmal nicht zu denken. Das Schiff wurde ausgebessert und die Männer warteten darauf, dass der Sturm sich legte. Um sich die Zeit zu vertreiben bestimmte Kapitän Demetrios Condos, dass sie auf Tauchfahrt gingen.
In 40 Metern Tiefe stieß der Matrose Stadiatis auf etwas Erschütterndes und war kaum mehr zu beruhigen. Er schildert, was er gesehen hatte: Geister, nackte Frauen, Pferde, und dergleichen mehr.
Um ihn und die Besatzung zu beruhigen beschloss der Kapitän, selber nach dem Rechten zu schauen. Zudem war er neugierig, was seinen Matrosen so in Schrecken versetzt hatte.
Also legte er den zu jener Zeit noch recht klobigen Taucheranzug an und ließ sich in die Tiefe gleiten. In 40 Metern Tiefe wurde er gewahr, was Stadiadis gesehen hatte: Aus dem Boden ragten Konturen von Pferden, von nackten Frauen und großen tönernen Krügen aus dem Morast. In dem schummrigen Licht konnte man diese wirklich für Geister halten. Er aber wusste, was er da gesehen hatte: Ein versunkenes Schiff mit vielleicht kostbarer Ladung. Er und seine Männer wollten sie bergen, aber dazu benötigt es spezieller Ausrüstung.

Zu Hause angekommen plante er die Bergung, bekam schnell die Zustimmung der Behörden und kehrte im November zur Insel zurück.
Die Bergungsarbeiten könnten dramatischer kaum sein: Einer der Männer von Kapitän Condos verlor sein Leben, zwei weitere konnten mit letzter Not gerettet werden. Doch nach einigen Monaten waren die Arbeiten beendet und das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Das Nationalmuseum datierte den Fund auf 80 v.u.Z. und bezeichnete es als "wichtig". Es waren zahlreiche edle Statuen, viele gut erhaltene Tonkrüge.
Einen rostigen Klumpen hätte der Kapitän beinahe über Bord geworfen, doch er hoffte auf einen guten Preis für das Alteisen.

 

Auspacken

Am 17 Mai 1902 stieß der Archäologe Spiridon Stais auf diesen Klumpen, der sein sofortiges Interesse weckte.
Er war verschlammt und die Entfernung des Drecks war einiges an Gewalt nötig. Vorsichtig entfernte er Schmutzteilchen für Schmutzteilchen und langsam wurden Konturen erkennbar: Zahnräder!

Nun wurde er nervös und wollte keine Gewalt mehr anwenden. Zu groß die Furcht, etwas unwiederbringlich zu zerstören.
Und so verstaute er das Objekt in einem alten Schuhkarton und hoffte darauf, dass es irgendwann eine geeignete Technik gab, in das Objekt hinein zu schauen.
Die Technologie schritt voran und 1958 wurde das Objekt von Derek de Solla Price wiedergefunden. Mit großer Präzision ging er an die Aufgabe und entferne winzigste Rost- und Schmutzpartikel. Langsam legte er eine Sensation frei: Ein 1700 Jahre altes Getriebe, etwas Ähnliches war erst aus dem 16 Jahrhundert bekannt.
Doch an den umgebenden Rostklumpen wagte sich auch Price nicht heran.
Zunächst wollte er das Objekt durchleuchten. 1971 wurden Röntgenaufnahmen gemacht und man erkannte dann erst die wahre Tragweite des Fundes.

Analyse

Der Mechanismus im Athener Museum, Quelle: Wikipedia-User Marsyas
Derek de Solla Price mit einem modernen Nachbau des Mechanismus

Es waren mindestens vierzig Zahnräder zu erkennen, die verschiedene Skalen antrieben und auf einer Grundplatte befestigt waren. Es schien sich um eine Art analogen Computer zu handeln, zu welchem Zweck auch immer.
In der Fachwelt gab es selbstverständlich Irritationen. Zum einen schien das Objekt über ein Differenzialgetriebe zu verfügen, dessen Erfindung bislang Leonardo da Vinci zugeschrieben wurde. Allerdings schien er es wieder-erfunden zu haben - und wer weiß wer es noch alles erfunden hat. Außerdem wurde den Griechen jener Epoche schlicht die technische Fähigkeit abgesprochen, eine solchermaßen komplizierte Mechanik herzustellen.
Ebenso wurden die Spekulationen über den Zweck des Geräts als astronomischer "Computer" bezweifelt, weil in der für unsere Epoche typischen Arroganz angenommen wurde, "die Griechen" hätten kein Interesse an praktischer Astronomie.
Mittlerweile wurden mehrere Rekonstruktionen unternommen.
Die Teilrekonstruktion des Mechanismus' erfolgte durch den Informatiker George Bromley und den Uhrmacher Frank Percival. In Folge des Versuches wurde aber klar, dass eine genauere Röntgenuntersuchung notwendig war, welche 1993 erfolgte.
Später gelang John Gleave eine funktionierende Replik des Mechanismus und es wurde klar, wofür der benutzt wurde: Es war tatsächlich ein astronomischer Kalkulator.

Der Apparat hatte drei Anzeigen, auf einer Seite eine, auf der Gegenseite zwei.
An der einzelnen Anzeige kann der Lauf von Sonne und Mond durch die Tierkreise abgelesen werden. Die Monatsnamen sind dem ägyptischen Kalender entnommen.
Auf der Rückseite wird es etwas komplizierter. Die obere Anzeige zeigt den Ablauf einer Vier-Jahres-Periode, verknüpft mit dem Metonischen Zyklus von 235 synodischen Monaten, was 19 Jahren entspricht.
Einen einzelnen synodischen Monat (Zyklus Neumond > Neumond) kann man auf der dritten Anzeige ablesen, ein zweiter Zeiger dieser Anzeige zeigt das Mondjahr der 12 synodischen Monate.

2006 wurde das Objekt durch eine große Aktion neuerlich durchleuchtet, dieses mal mit einem Tomografen. Hier wurde unter anderem eine Anleitung gefunden, die auf die Zahnräder eingeritzt ist.
Bislang sind von diesen Zeichen 2000 entziffert, das sind 95% des gesamten Textes. Allem Anschein nach stammt das Gerät von der Insel Kreta und wurde vermutlich vom griechischen Astronomen Poseidonios konstruiert. Laut Xenophon Moussass von der Universität Thessaloniki werden große Teile der Mathematik- und Astronomiegeschichte umgeschrieben werden.